Wie die Software-Riesen die Implementierungskrisen lösen wollen
Kolumne: Ein Service ist eine Software

"Wird Software zu einem Service und können umgekehrt Services auf eine Software reduziert werden?" Die Frage ist alt, die Antworten der vergangenen Monate sind neu. Alle großen Software Spieler starten "Web Service"-Initiativen. Die Offensive ".Net" des Giganten Microsoft hat das Thema in den Mittelpunkt gerückt. Die Nutzer dürfen hoffen, dass die Bedürfnisse nach Einfachheit und Flexibilität in Zukunft erfüllt werden. Und die Unternehmen lernen, dass das Web die ideale Plattform ist für intelligente Selbstbedienung. Warum sich der Trend durchsetzen wird? Ganz einfach: Je komplexer die Systeme, desto schwieriger die Implementierung. Daher gehen Software und Service eine ganz neue Verbindung ein. Wer in dieser Symbiose stärker profitiert, ist noch nicht ausgemacht.

Glauben Sie mir: Wir stehen vor einem neuen Siegeszug der Dienstleistungskultur, aber einer, die in ganz neuem Gewand auftritt. Doch der Reihe nach. Damit Sie verstehen, was ich meine, nehme ich Sie einfach mit auf die Reise.
Wenn ich hier im Valley zu einer Adresse fahren will, kann ich ganz altmodisch auf einer Straßenkarte nachsehen (was ich - Gott verbiete - noch immer oft tue). Ich kann aber auch auf die Yahoo-Webseite gehen und dort den Service "Maps" - hinter den Kulissen führt dabei der Dienstanbieter Map-Quest die Regie - aufrufen. Dann kann ich nicht nur die Adresse nachsehen, sondern mir auch im Detail den besten Weg dorthin beschreiben lassen. Nur die relevanten Ausschnitte werden gezeigt und dieser "Service" - auf mich "persönlich" zugeschnitten - wird in Echtzeit erzeugt.

Andererseits kann ich mich auch einfach ins Auto setzen und mich mittels GPS-unterstütztem Navigationssystem hinführen lassen. Im Idealfall ist das Navigationssystem zudem an ein Verkehrsinformationssystem gekoppelt, das mir dabei hilft, die Dauerstaus auf dem Highway 101 zu umfahren.

Jedermann sieht sofort ein, dass dies ein Service ist. Die Software mit elektronischen Straßenkarten ist statisch unverkäuflich - jedenfalls ist das hierzulande so. Erst gekoppelt mit dem Service wird sie interessant. Und so gut wie niemand hat ein solches Programm zuhause oder auf dem Notebook: Aktualisierung der Information, aber auch stetige Weiterentwicklung der Software würden dies unsinnig machen.

Ein anderes Beispiel ist Sicherheit im Internet. Während derzeit noch zahlreiche Software-Programme, von Antivirus bis zu Firewalls, den Markt beherrschen, setzt sich zunehmend die Überzeugung durch, dass Sicherheit eigentlich eine Dienstleistung ist. Unternehmen wie MyCIO, OneSecure, aber auch AT&T bieten diese Dienste an. Vielleicht erinnern Sie sich noch? Wer, warum und mit welcher Vergangenheit in diesem Geschäftsfeld tätig ist, habe ich bereits im August im Highway 101 unter dem Titel "Sicherheitsdienste im Internet" beschrieben. Die Logik jedenfalls ist eingängig: Eine Firma in der physischen Welt beauftragt ja auch einen Wachdienst und verlässt sich nicht auf Türschlösser.

Diese so genannten "Managed Service Provider" (MSP) sind sowohl beim Thema Sicherheit, als auch bei Zugangsdiensten oder Speicher stark im Kommen. Wenn der "Dienst" ohne großen Aufwand nur die flexible Übermittlung von Software beinhaltet, werden die Anbieter "Application Software Provider" (ASP) genannt. ASP ist immer mal wieder, und in jüngster Zeit verstärkt auch in Deutschland, ein Thema, oder? Im Valley werden als Musterkandidaten oft Corio oder USInternetworking genannt.

Software wird zur Dienstleistung

Auf jeden Fall hat das Valley endlich wieder einen Megatrend. Mit rasanter Geschwindigkeit entsteht eine neue Art Dienstleistung. Die Branche spricht von Web Services oder E-Services. Der Boom basiert auf zwei Tatsachen:

1. Viele Dienstleistungen können sehr effektiv online erbracht werden. Letztlich ist das Internet das Selbstbedienungsmedium par Excellence. Einfache Beispiele sind Online-Banking oder Order-Tracking, aber diese Vorzüge treffen in unterschiedlichem Ausmaß für jede Consumer und Business Dienstleistung zu.

2. Software kann zunehmend nur noch als Service erbracht werden. Dies hat mannigfache Gründe: Software-Implementierungen - insbesondere im Business-Bereich - werden zu komplex. Diskrete Aktualisierungen mittels Versionswechseln wirken in dieser schnellebigen Zeit wie Relikte aus der Vergangenheit. Zudem überschreiten Applikationen zunehmend Unternehmensgrenzen und erst bei einer Kollaboration/Transaktion entsteht der Bedarf nach Abstimmung. Und nicht zuletzt sind manche Applikationen so ausgefallen, dass sie zu selten gebraucht werden als dass sie gekauft würden. Oder kämen Sie auf den Gedanken, sich ein Übersetzungsprogramm ins Räto-Romanische zuzulegen?

Aus der Idee der Vorzüge webbasierter Dienste und den Grenzen von Softwarelösungen entwickelte sich das Konzept der E-Services. Ausgerechnet Hewlett-Packard - weder mit Softwarekompetenz gesegnet noch als Internet-Pionier bekannt - setzte sich zu Anfang an die Spitze der Bewegung.

Bevor ich Ihnen verrate, warum vor allem ein Unternehmen aus Redmont mit aller Macht versuchen muss, im neuen Markt der E-Services Fuß zu fassen, hier noch eine Definition des Begriffs.
E-Services sind:
modulare, Internet-basiert Applikationen,
die selbstbeschreibend sind und miteinander kommunizieren,
Aufträge ausführen oder andere E-Services beauftragen,
um jeweils ihren Teil einer komplexen Arbeitsvorgangs oder einer Transaktion auszuführen.

Wie immer im Internet-Zeitalter liegen Definition und Vision nicht weit entfernt. Im Falle der E-Services liegt die Erwartung darin, dass auf dieser Basis die Dienstleistungen hoch flexibel erbracht werden können, wobei die Echtzeitkommunikation auch das automatische Zusammenspiel vieler verschiedener Dienstleistungen erlaubt (wie der Straßenkarte mit dem GPS-System und dem Verkehrssystem beispielsweise), und das alles, ohne dass dieser Vorgang irgendwo zentral etabliert werden müsste.

Die Software-Unternehmen müssen Web-Services anbieten

Die großen Softwarehäuser haben sich, angezogen vom Charme der Online-Möglichkeiten und aufgeschreckt durch die Bedrohung durch die Implementierungsgrenzen an die Spitze der Bewegung gesetzt und überschlagen sich mit Erfolgsmeldungen.
HP ist mit "E-Services" aktiv, Microsoft mit ".Net", IBM mit "Web Services", Oracle mit ".Now", SAP mit mySAP.com, Bowstreet mit "Bussiness Webs" und Sun mit "Brazil", welches Anfang Februar vorgestellt werden wird. Alle diese Spieler sind auch in teils unterschiedlichen Allianzen auf Tuchfühlung gegangen, um gemeinsame Kommunikation und Verzeichnisstrukturen sicherzustellen, auf denen diese Web Services aufbauen sollen. Wie in der IT-Branche üblich, verbergen sich diese wichtigen Entwicklungen hinter unverständlichen Akronymen wie UDDI und SOAP.

Die größte und bedeutsamste Umstellung kommt sicherlich für Microsoft. Der Konzern muss am weitesten springen, da er bisher erxtrem produktorientiert war. Und Microsoft muss die Standards beherrschen. Wenn Microsoft das Ziel erreicht, kann das Unternehmen nicht weniger als ein neues "Betriebssystem für das Internet" etablieren. Wenn nicht, dann sieht die Welt düster aus für den Konzern aus Redmont. Denn die eigenen Applikaitonen sind als Dienst nicht sehr viel versprechend. Wer will schon Excel-on-Demand? Bill Gates jedenfalls weiß, was auf dem Spiel steht, und scheut derzeit keinerlei Mittel, um die Revolution zu gewinnen.

Neuer Kitt für die Softwarelücke

Für die vielen Unternehmen, die mit Dienstleistungen auf dem Internet agieren, gibt es derzeit gute und schlechte Nachrichten.
Die gute Nachricht ist, dass die Softwareindustrie ganz allmählich die Instrumente zu entwickeln beginnt, die für eine erfolgreiche E-Business/E-Commerce Strategie notwendig sind. Jeder, der bisher eine E-Business Initiative oder gar einen elektronischen Marktplatz erstellt hat, kann von der viel zitierten "Software-Lücke" ein Lied singen: Die derzeitigen Systeme sind entweder zu beschränkt oder hoffnungslos komplex. Eine Kombination von verschiedenen Systemen ist noch immer ein Albtraum und die Flexibilität weit geringer als es die schnellebigen Geschäftsbedingungen verlangen. Dies alles könnte sich ändern.

Die schlechte Nachricht ist, dass die derzeitige Wettbewerbssituation noch nicht erkennen lässt, welches Software-Unternehmen ein guter (geschweige denn der beste) Partner wäre. Das Jahr 2001 verspricht in dieser Hinsicht sehr interessant zu werden. Der Highway 101 hält Sie auf dem Laufenden.

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