Wie ein Football-Spiel den Gemütszustand eines Volkes verändert
Super Bowl: Hope, Heroes, Homeland

Amerika wird am Sonntag den patriotischsten Super Bowl aller Zeiten erleben. Das versprechen Sportfunktionäre und Medienmanager. Gleichzeitig hat Präsident Bush das Spektakel als potenzielles Ziel für Terroristen eingestuft - und den Secret Service nach New Orleans entsandt.

HB DÜSSELÖDORF. Binnen drei Stunden hatte das vollautomatische Kamerasystem an jenem schönen Sonntagnachmittag 71 921 Bilder geschossen. "Uns ist niemand entgangen", sagt Barry Hodge, Vize-Präsident der Graphco Technologies Inc., nicht ohne Stolz. 36 Kameras hatte die Firma aus Pennsylvania auf Geheiß der National Football League (NFL) beim letztjährigen Endspiel, dem Super Bowl, an den Eingängen des Raymond-James-Stadions in Tampa mit ihrer Erkennungstechnik bestücken lassen. Jeder einzelne American-Football-Fan wurde beim Passieren der Stadiontore fotografiert. Nur Sekundenbruchteile später glich ein Computersystem das digitale Bild mit der Verbrecherdatei der Bundespolizei FBI ab. Zehn gesuchte Gangster wurden so identifiziert.

Erstmals bei einem Sportereignis auf amerikanischem Boden war im vergangenen Jahr ein derartiges Überwachungssystem zum Einsatz gekommen. Nach dem "großartigen Erfolg", wie es das FBI ausdrückte, werden die Kameras wohl auch am Sonntag wieder Bilder im Akkord produzieren, wenn es in New Orleans bei der 36. Ausgabe des Super Bowl heißt: New England Patriots gegen St. Louis Rams. Secret-Service-Sprecher Mark Connelly will indes nur so viel verraten: "Wir werden maximale Sicherheit bieten."

Secret Service? Tatsächlich hat Präsident George W. Bush das Football-Finale erstmals in den Rang eines "National Special Security Event" erhoben. Und damit auf eine Sicherheitsstufe mit der Amtseinführungsfeier des Präsidenten gestellt oder der Uno-Vollversammlung, mithin alles derart bedeutende Anlässe, bei denen der Personenschutz dem Secret Service unterliegt.

Die Liga-Verantwortlichen halten das Vorgehen für richtig. Dan Rooney etwa, milliardenschwerer Eigentümer der Pittsburgh Steelers, warnt: "Der Super Bowl ist unzweifelhaft ein mögliches Ziel für Terroristen." Erst recht, wenn Präsident Bush nach New Orleans kommen sollte, um nach der von Mariah Carey gesungenen Nationalhymne die Seitenwahl zu zelebrieren. Hinzu kommt, dass der übertragende TV-Sender Fox nach den Anschlägen des 11. September das "patriotischste und emotionalste Finale aller Zeiten" angekündigt hat, "zu Ehren der Opfer".

Dabei ist die Hysterie rund um "The Big One", die jedes Jahr vor dem großen Finale die USA heimsucht, auch durch nationales Geklingel kaum mehr steigerbar. Der Super Sunday ist der Tag, an dem die Kriminalitätsrate im Land um bis zu 30 Prozent sinkt, weil viele potenzielle Ganoven vor dem Fernseher sitzen; an dem selbst McDonald?s-Pächter, bekannt für ihren 24-Stunden-Service, ihre Bulettenbratereien zusperren, was sonst höchstens noch an Weihnachten oder Thanksgiving passiert.

Kaum einem Amerikaner gelingt es, sich der Manie zu entziehen. Ein Journalist der "New York Times", der sich für Football nicht interessiert, schrieb einmal, dass er sich vor einigen Jahren am Abend des Endspiels bei den New Yorker Philharmonikern vergnügen wollte und dann erleben musste, wie der Dirigent das Publikum bat, die Kopfhörer der tragbaren Radios aus den Ohren zu nehmen, wenigstens aber während des Konzerts nicht in Jubelstürme auszubrechen.

Weil sich das Spiel also längst zum "Woodstock des Corporate America" entwickelt hat, wie es "USA Today" einst formulierte - und das auch Terroristen rund um den Globus bekannt sein dürfte -, herrscht in New Orleans dieser Tage eben Sicherheitsstufe eins. Seit Wochen schon sind die Experten des Secret Service in der Stadt, 1000 Hotelzimmer haben sie belegt und den Louisiana Superdome, jenes ungeheuerliche Hallenstadion in der Nähe des French Quarters, zu einem Hochsicherheitstrakt umgebaut. Vor der 73 000 Zuschauer fassenden Arena wurde ein drei Meter hoher Zaun installiert und an den Eingängen Metalldetektoren, wie man sie von Flughäfen kennt. Am Spieltag selbst darf kein Auto näher als 100 Meter vor das Stadion fahren. Und auch der Regionalflughafen "Lake Front", der in der Nähe des Superdomes liegt, wird am Sonntag zwischen elf Uhr morgens und Mitternacht geschlossen. Selbst die Werbezeppeline, die gemeinhin im halben Dutzend über der jeweiligen Super-Bowl-Arena kreisen, sind diesmal verboten. Immerhin stürzte ein eben solcher 1976 beim Spiel Pittsburgh gegen Dallas ins Stadion von Miami - wenn auch nur als fiktive Geschichte im Hollywood-Streifen "Black Sunday".

40 Mill. $ zahlt die NFL für die zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen, 5000 Wachleute werden das Stadion behüten. "Amerika ist nervös", räumt Milt Ahlerich ein, der für die Liga als oberster Sicherheitsbeauftragter arbeitet und der früher beim FBI diente. Amerika ist auch deshalb so nervös, weil nur wenige Tage später in Salt Lake City die Olympischen Winterspiele beginnen, ein weiteres sportliches Großereignis, bei dem das ganze Land auf die Arbeit der Sicherheitskräfte blicken wird. Die deutsche Eisschnellläuferin Anni Friesinger kündigte bereits an: "An der Eröffnungs- und Schlussfeier werde ich nicht teilnehmen, zu gefährlich."

Berechtigt oder nicht - die Spiele müssen weitergehen, auch deshalb, weil sie ein kolossaler Wirtschaftsfaktor sind. Allein die Wettumsätze rund um den Super Bowl erreichen in Las Vegas jedes Jahr die Grenze von 100 Mill. $. Zuschauer, die eine Eintrittkarte erstehen konnten, zahlen bereitwillig 400 Dollar je Ticket, auf dem Schwarzmarkt im Internet wird das Fünffache verlangt. 3000 Journalisten werden im Stadion sein, in mehr als 100 Ländern wird das Spiel live übertragen, in Deutschland senden Premiere und Sat 1 ab 23.40 Uhr.

Für den US-Sender Fox, der sich die Übertragungsgrechte für gut 100 Mill. $ gesichert hat, ist es das Geschäft des Jahres. Da während des Spektakels 60 Spots à 30 Sekunden gesendet werden und jede halbe Werbeminute 2 Mill. $ kostet - der höchste weltweit je verlangte Preis für TV-Werbung -, macht das Einnahmen von 120 Mill. $. Und dabei ist die Reklame vor und nach dem Spiel noch nicht eingerechnet.

Für das Begleitprogramm hat Fox der Nation einen schönen Schuss Extra-Patriotismus versprochen. Die Beiträge rund um das Spiel stehen in diesem Jahr unter dem Motto "Hope, Heroes and Homeland". Was Fox-Sport-Chef David Hill darunter versteht, hat er dieser Tage verraten: Es wird Live-Schaltungen zu den US-Truppen in Übersee geben, und auch den Feuerwehrleuten in New York werden "wesentliche Beiträge" gewidmet sein.

Doch der findige TV-Manager hat noch mehr vor: Frühere NFL-Größen werden in kurzen Filmen ein Geschichtsbuch zur Hand nehmen, es bedeutungsvoll aufschlagen. Dann werden sie die Stimme heben, sich an das Volk wenden - und die wichtigsten Passagen aus der Unabhängigkeitserklärung rezitieren.

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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