Wie ein lettischer EU-Beobachter Brüssel erlebt
„Zuhören, Informationen sammeln, lernen“

Andis Kaposts hat Hände wie Pranken. Hände, die gelernt haben zuzupacken. In der Nähe der lettischen Hauptstadt Riga bewirtschaftet der 43-Jährige einen Bauernhof. 25 Milchkühe stehen in seinem Stall. "Für Politik habe ich mich schon immer interessiert", sagt Kaposts und streichelt seinen vom Zigarettenrauch braun gefärbten Oberlippenbart.

BRÜSSEL. Früher hat der Zwei-Meter-Mann nicht lange gefackelt, wenn es um die Interessen seines Berufsstandes ging. Als die lettische Saeima, das Parlament in Riga, Agrarsubventionen kürzen wollte, hat Kaposts den Mist aus seinem Stall auf den Traktor gepackt und vor dem Parlament abgeladen.

Soviel Tatkraft machte Eindruck auf die Führer der lettischen Bauernpartei. 1997 stieg Kaposts vom Traktor ab und zog selbst ins Parlament ein. Inzwischen ist die Bauernpartei an der Regierung beteiligt, und der Mann mit den bulligen Händen gehört zum politischen Establishment.

Seine Familie und seine Milchkühe sieht er nur noch am Wochenende. Denn die Bauernpartei hat ihn nach "Europa" geschickt. Seit letztem Sommer ist der Lette einer von 162 Beobachtern aus den Beitrittsländern im Europaparlament. Er hat sich dem Wanderzirkus der Abgeordneten angeschlossen, der Monat für Monat zwischen Straßburg und Brüssel hin und her pendelt. Die schöne neue Welt der EU sei, Kaposts gesteht es, "gewöhnungsbedürftig".

Da ist zunächst einmal die materielle Kluft zwischen den EU-Parlamentariern, die nach den Diäten ihrer Kollegen in den nationalen Parlamenten bezahlt werden. 1000 Euro im Monat verdient Kaposts als lettischer Saeima-Abgeordneter. Italienische Europaparlamentarier bekommen zehn Mal soviel. Sollte Andis Kaposts bei der Europawahl im nächsten Juni als gewählter Abgeordneter zurückkehren, wird er sich wohl weiterhin bescheiden müssen. Immerhin: mit einem Spesensatz von 250 Euro pro Sitzungstag dürfte auch er über die Runden kommen. Hinzu kommen Zuschüsse für Büroausstattung und Assistenten. Auch die Dolmetscherin, die Kaposts auf Schritt und Tritt begleitet, weil er kein Wort Englisch spricht, wird aus der EU-Kasse gezahlt.

Der Mann aus Riga könnte viel beisteuern zum Thema Wohlstandsgefälle in Europa. Doch als EU-Beobachter ist er zum Schweigen verurteilt. Die 162 Delegierten aus den 10 Beitrittsländern haben kein Rederecht im Europaparlament. Auch abstimmen oder für Ämter kandidieren dürfen sie nicht. Und als "Botschafter" ihrer Länder in Europas Parlament stehen sie unter verschärfter Beobachtung der nationalen Politik.

Kaposts würde gerne ins Europaparlament einziehen. Also hält er sich zurück mit Äußerungen, die zu Hause missverstanden werden könnten. Aus dem forschen Bauernfunktionär mit dem Hang zu spektakulären Protestaktionen ist in Brüssel ein leiser Zuhörer geworden. Seine Tage im Agrarausschuss, so sagt er, verbringe er damit, "zu lernen und Informationen zu sammeln".

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