"Wie ein Sechser im Lotto"
Wurzelsuche im Netz

Das Internet bringt Tempo in das angestaubte Hobby Ahnenforschung: Quer über die Kontinente kann jeder nach Vorfahren und Familiengeschichte suchen.

DÜSSELDORF. Acht auf einen Streich. So erfolgreich wie das tapfere Schneiderlein fühlte sich Hans-Werner Hennes, als er in einer amerikanischen Internet-Datenbank auf acht Familienmitglieder gleichzeitig stieß. "Das ist wie ein Sechser im Lotto", vergleicht der Bremer, der seit mehr als 15 Jahren nach seinen Wurzeln forscht.

Ältester Ahne, den Hennes bislang auftun konnte: Arend Anemann, getauft im Jahre 1654 in Barnstet. Wo er gerade auf ihn stieß? In einem Kirchenbuch. Diese Werke waren früher die zuverlässigsten Personenstandsregister - damals, als es noch lange keine staatlichen Standesämter gab. Heute muss Hennes nicht mehr so oft in verstaubten Schinken wälzen: Sein Hobby ist digital geworden, das Internet wird zum wichtigsten Hilfsmittel der Stammbaum--Detektive.



Hennes liebt das Puzzle seiner Familien-Historie und ist über jeden gefundenen Vorfahren froh - sei dieser auch ein noch so kleines Licht gewesen. Auch wenn insgeheim die meisten Leute, die ihre Familienchronik durchforsten, hoffen, in dritter Linie mit Karl dem Großen verwandt zu sein. Die Wahrscheinlichkeit besteht: Der Kaiser soll zahlreiche Mätressen mit etlichen Sprösslingen von ihm gehabt haben.



Ein weiteres Motiv der Ahnenforscher: Ende des 19. Jahrhunderts könnte es gerade einer ihrer Vorfahren gewesen sein, der nach Amerika ausgewandert ist und dort womöglich zu Geld kam - es treibt die Hoffnung auf einen reichen Erbonkel.



Um seine Vorfahren übersichtlich abzulegen, entwickelte Hennes vor fünf Jahren eine eigene Software mit Datenbank, Stammbaumabbildungen, wichtigen Adressen, Einführung in die altdeutsche Schrift Sütterlin und in die Familienforschung, Genealogie im Fachjargon. Und weil der Norddeutsche - im Hauptberuf Recycling-Händler für Schrott und Stahl - so viele Gleichgesinnte hat, vertreibt er seit zwei Jahren die elektronische Ahnenfibel auf seiner Web-Seite Ahnenchronik.de. Für seine Software nimmt Hennes von den anderen Hobby-Ahnenforschern 30 DM und fand im vergangenen Jahr 500 Abnehmer - ganz ohne Werbung, nur über die Einträge in Suchmaschinen.



Ohnehin kommt kein ernsthafter Vorfahren-Sucher mehr ohne Computer aus. Per Internet können Stammbäume ausgetauscht und abgeglichen werden - egal aus welchem Land die Interessenten kommen und welche Software sie benutzen. Möglich macht dies ein eigener Daten-Standard, der Gedcom genannt wird.



Im Web finden sich außerdem eine Reihe von Datenbanken, in denen sich stöbern lässt. Allein 900 Millionen Namenseinträge verzeichnet das elektronische Archiv, das im Mai 1999 von den Mormonen in Salt Lake City gegründet wurde - die größte Sammlung ihrer Art. Warum gerade die Mormonen? Das hat religiöse Gründe: Das Graben nach ihren Wurzeln ist für die Glaubensgemeinschaft Pflicht. Hinzukommt, dass "die Genealogie eins der Lieblingshobbys der Amerikaner schlechthin ist", erklärt Paul Nauta, Pressesprecher der Mormonen.



Auch hier zu Lande sind mehr und mehr Hobby-Ahnenforscher online. Man hilft sich gegenseitig mit Informationen in Diskussionsforen weiter, trifft auf Leute, die nach denselben Ahnen suchen oder sie gar schon ausfindig gemacht haben. Und man leistet sich sogar gegenseitige Hilfsdienste: Wer in Berlin wohnt kann dort rasch für einen Münchner auch mal im Kirchenarchiv oder im Rathaus Einsicht nehmen, wenn diese Register nicht im Internet sind.



"Das Internet ist beim Aufspüren der Vorfahren eine riesige Hilfe, weil es alles beschleunigt", findet Holger Zierdts, zweiter Vorsitzender des Dachverbands Deutsche Arbeitsgemeinschaft genealogischer Verbände in Jena. Am häufigsten angeklickt wird das Genealogie-Portal www.genealogy.net, das mit 250 Web-Seiten als das umfangreichste gilt. Es hat mehr als 600 000 Stammbäume und verlinkt zu 28 deutschen Ahnenforscher-Vereinen.



Wer nicht lange selbst wühlen will, kann Profis beauftragen



"Berufsgenealogen verlangen Stundensätze von 30 bis 80 Mark und je nach Auftragsvolumen können bei solchen Forschungen mehrere tausend Mark zusammen kommen", berichtet Sascha Ziegler. Er hat zusammen mit zwei weiteren Ahnenforschern, Rolf Nowak und Volker Neuhäuser, vor zwei Jahren das Online-Portal Ahnenforschung.net gegründet. Neben Diskussionsforen, Forschungsangeboten, Web- und Genealogen-Verzeichnissen und Anfänger-Tipps, vertreiben sie in ihrem Shop fünf verschiedene Programme sowie alte Landkarten, Stadtpläne, Vordrucke für Schmuckahnentafeln und 2 500 Bücher.



Web-Nutzer können hier ihre Utensilien wie Familienbücher, Orts-Chroniken, Sammlungen von Leichenpredigten, Militärgeschichte, Heimatliteratur, Adels- und Namensforschungsbücher ordern. Immerhin soll die Plattform aus Uslar in diesem Jahr bis zu 80 000 Klicks pro Monat verzeichnen und dieses Jahr 600 000 DM bis 700 000 umsetzen. So mancher ist eben bereit, viel Geld für das Erforschen seiner Wurzeln auszugeben - und die Hoffnung auf den Erbonkel.

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