Wie es beim EU-Gipfel zum historischen Durchbruch kam
Von Kompromissen, Vätern und europapolitischen Kniffeligkeiten

Dem EU-Gipfel von Lissabon ist ein neuerlicher Eklat wie beim letzten Treffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Kaczynskis erspart geblieben: Die 27 Staats- und Regierungschefs wurden sich einig, der EU-Reformvertrag ist unter Dach und Fach. Einer allerdings blieb sich auch diesmal treu - Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

LISSABON. Das Gipfeltreffen im futuristischen Messezentrum am Ufer des Tejo begann mit Verspätung, doch anders als bei früheren Treffen war das diesmal ein gutes Zeichen. Denn als sich die Staats- und Regierungschefs am Donnerstag um 18.36 Uhr endlich zur Beratung über die letzten ungelösten Probleme des EU-Reformvertrags zusammensetzen, da zeichnete sich für die kniffeligste Frage bereits eine Lösung ab: Italien bekommt den geforderten zusätzlichen Sitz im Europaparlament, indem die Gesamtzahl der Abgeordneten um ein Mandat angehoben wird. Möglich wurde dieser EU-typische Kompromiss durch einen Griff in die Trickkiste: Der Parlamentspräsident wird künftig bei der Zahl der Abgeordneten nicht mitgezählt.

Das Parlament selbst hatte diesen Weg aus der drohenden Krise vorgeschlagen. Portugals Premier José Sócrates, als EU-Ratspräsident unter immensem Erfolgsdruck, witterte die Chance. Und so verschob er den Beginn des Gipfels, um mit seinem italienischen Kollegen Romano Prodi die Erfolgsaussichten dieses Rettungsvorschlags auszuloten.

Prodi war mit schwerem innenpolitischen Gepäck nach Lissabon gereist. Am Morgen noch hatte ihm Italiens Senat einstimmig mit auf den Weg gegeben, er dürfe keinesfalls im Konflikt um die Sitzverteilung im EU-Parlament nachgeben. Denn die Italiener sahen ihre Ehre verletzt, nach der ab 2009 vorgesehenen Verkleinerung des Parlaments erstmals weniger Sitze als Frankreich und Großbritannien zu haben. "Es war klar, dass wir Italien entgegenkommen müssen", betonte ein Regierungschef.

Prodi signalisierte, er könne mit der Lösung leben. Die Stimmung unter den Staats- und Regierungschefs näherte sich dem wolkenlosen Lissabonner Abendhimmel. Nun galt es nur noch, den notorischen Quertreiber Polen auf Linie zu bringen. Dessen Staatspräsident Lech Kaczynski musste sich gleich von mehreren Kollegen heftige Vorwürfe über seinen egoistischen Sonderwunsch nach einer Blockademöglichkeit künftiger Mehrheitsentscheidungen in der EU anhören.

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