Wie Ex-Deutschbanker Thomas Fischer die Formel-1-Rechte vergolden will
Formel 1: Marodes Pfand

Keine Interviews, keine Gespräche - Thomas Fischer macht sich rar. Selbst seine engsten Mitarbeiter sollen nicht wissen, wo er sich gerade aufhält. Der 54-Jährige, noch bis Januar im Vorstand der Deutschen Bank, gibt sich geheim wie James Bond.
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DÜSSELDORF. Fischer hat zwar nicht die Queen im Rücken, dafür aber ein Trio aus Bayerischer Landesbank und den US-Investmenthäusern J P Morgan und Lehman Brothers. Öffentlichkeit kann Fischer in seinem neuen Job nicht gebrauchen. Er soll aus dem Formel-1-Vermarkter SLEC Holdings Ltd., einem maroden Kreditpfand aus dem Nachlass der KirchGruppe, ein lukratives Geschäft machen. Das geht nur, so die Erkenntnis, wenn die Banken selbst in den Motorsport einsteigen. Dazu vereinbarten alle Beteiligten strengstes Stillschweigen. Denn Fischers Aufgabe ist ein Parcours über unberechenbares Gelände.

Zusammen mit den US-Bankern hat Fischer ein Drehbuch erarbeitet, wie aus dem Not Leidenen Kirch-Kredit doch noch eine Erfolgsstory zu machen ist. Zunächst wollen die Banken selbst die Kontrolle im Rennzirkus übernehmen und den Aufsichtsrat der SLEC auswechseln. Später sollen der tatsächliche Wert der Formel 1 bestimmt, die SLEC über eine Anleihe zwischenfinanziert und ein Käufer gesucht werden. Maximal zwei Jahre wollen die Banken selbst Dompteur im Rennzirkus sein - am liebsten zusammen mit den Autoherstellern, denen Fischer bereits Anteile an der SLEC angeboten hat.

Die drei Banken, allen voran die BayernLB, hatten 2001 dem Kirch-Konzern 1,6 Milliarden Dollar für den Kauf von 58 Prozent an der SLEC geliehen. Ende Juni wird der Kredit fällig, dann bleiben Kirch noch 30 Tage, die Summe zurückzuzahlen. "Unmöglich", das wissen die Banker schon jetzt - und bangen um ihr Geld. Denn das Pfand, SLEC zu verkaufen, bereitet Probleme: Die Rechteholding ist das Geld nicht wert, das die Banken Kirch dafür geliehen haben. Interessenten, die Autohersteller oder das US-Finanzhaus Hellman & Friedman, boten bisher nur etwa die Hälfte.

Dazu kommt, dass die SLEC zwar ein hoch profitables Unternehmen ist und bei etwa 500 Millionen Euro Umsatz fast 200 Millionen Gewinn vor Steuern und Zinsen einbringt. Aber: Der Gewinn ist bis 2004 fest an Anleihegläubiger verpfändet, die Anteilseigner sehen zunächst keinen Cent. Auch sportlich ist der Rennzirkus angeschlagen. Ferraris und Michael Schumachers Dominanz verringern die Spannung und die Zuschauerzahlen; Sponsoren bleiben aus, drei der kleineren Teams haben akute Geldprob-leme und denken über den Ausstieg nach.

Vorübergehende Probleme, hoffen die Banken. Da sie ihr Geld nicht einfach abschreiben wollen, hat Landesbankchef Werner Schmidt den Spezialagenten Fischer engagiert und ihm ein improvisiertes Büro in seiner Münchner Zentrale einrichten lassen. Von dort zieht Fischer jetzt die Strippen. Als Vorsitzender eines sechsköpfigen "Steering Commitees", in dem alle drei Banken vertreten sind, ist er mit weit reichenden Vollmachten ausgestattet. Schmidt vertraut ihm voll: Beide kennen sich aus gemeinsamen Tagen in Stuttgart. Fischer war bis 1998 Chef der Landesgirokasse, Schmidt Vorstandsvorsitzender der SüdwestLB. Beide Häuser fusionierten 1999 mit der L-Bank zur Landesbank Baden-Württemberg.

Aus seiner Stuttgarter Zeit kennt Fischer auch einen anderen Topmanager sehr gut: Mercedes-Chef Jürgen Hubbert. Er ist der Drahtzieher hinter den Kulissen aufseiten der Autoindustrie. Und die muss Fischer unbedingt auf seine Seite bringen. Denn DaimlerChrysler, BMW, Fiat, Ford, Renault und Toyota hatten gegenüber Kirch schon mehrfach gedroht, nach Ablauf des "Concorde Agreements" 2007 eine eigene Rennserie zu starten, eine Dachgesellschaft für die geplante "Grand Prix World Series" ist bereits gegründet. Sollten die Hersteller ihre Drohung wahrmachen, wäre die Formel 1 am Ende.

Die Autokonzerne verlangen mehr Einfluss und wollen vor allem stärker an den Erträgen beteiligt werden. Darauf will Fischer nun eingehen: Bereits Anfang Mai hatte er die Autokonzerne gebeten, eine "wichtige Rolle" bei der Vermarktung der Rennserie zu übernehmen. So bot er in einem Telefonat mit Hubbert den Herstellern eine finanzielle Beteiligung an der SLEC an. Hubbert sagte zu, BMW will ebenfalls mitziehen. Sobald die Banken Zugriff auf die Formel-1-Rechte haben, wollen sie eine eigene Investmentbank einschalten. Am Ende könnte sogar ein Börsengang der SLEC stehen. Ein Banker: "Die Formel 1 ist das größte Sportereignis weltweit mit jährlich mehr als fünf Milliarden Zuschauern. So eine Erfolgsstory verkauft sich an der Börse gut."

Einziger Verlierer ist nach Fischers Plan Bernie Ecclestone, bislang autokratischer Herrscher über die Rennserie. Für nur 360 Millionen Dollar hatte er einst dem Weltautomobilverband FIA sämtliche Vermarktungsrechte an der Formel 1 für die kommenden 100 Jahre abgekauft. Zwar hält er nominell nur 25,3 Prozent an der SLEC, doch er bestimmt faktisch das Geschäft - dank eines Gesellschaftervertrags, der ihm fast alle Rechte einräumt. Weder Leo Kirch und schon gar nicht Ex-EM.TV-Chef Thomas Haffa, der mit dem Einstieg in die SLEC begonnen hatte, waren dem gewieften Taktiker gewachsen.

Anders Fischer. Während des Grand Prix von Monaco am 26. Mai traf sich der Banker heimlich mit Ecclestone und FIA-Präsident Max Mosley in Monte Carlo. Das Gespräch war einseitig: Fischer diktierte die Bedingungen und verlangte von Ecclestone Zugeständnisse. Die Drohung wirkte. Mosley ist von seinem Geschäftsfreund schon abgerückt. Fischer machte dem Motorsport-verteranen klar: Es geht um den Fortbestand der Formel 1 - zur Not auch ohne Ecclestone. Der hat noch Bedenkzeit bis September. So lange soll Fischer auf Wunsch seines BayernLB-Freundes Schmidt die Sache noch unter der Decke halten. Solange die Bundestagswahl nicht entschieden ist, will Schmidt keine Diskussion über den eventuellen Abschreibungsbedarf seiner Bank. Denn bei der Kreditvergabe saß das halbe bayrische Kabinett mit am Tisch.

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