Wie Gewinne geschönt werden
Auch Laien können Warnzeichen in Bilanzen erkennen

Nach den Skandalen um Enron, Worldcom und Co. lohnt es sich für Anleger, genauer hinzuschauen.

NEW YORK. Stutzig wurde Wertpapieranalystin Carol Coale von der Vermögensverwaltung Prudential schon nach dem dritten Quartal 2000: "Enron hatte einen Belastung von 1,2 Mrd. $ zu Gunsten der Gesellschaft LJM. Doch es blieb unklar, für welchen Zweck die Summe verwendet wurde", sagt sie. Damals hätte der Finanzchef sie beruhigt, dass das keine größere Bedeutung habe. Im folgenden Frühjahr sei der Posten immer noch da gewesen. Auch schienen Enrons Gewinnerwartungen im Vergleich zu den Wettbewerbern unrealistisch. "Ab Februar 2001 fing ich an negative Kommentare zu schreiben, im Oktober 2001 wertete ich die Aktie ab", sagt Coale. Damit war sie - nur vier Monate vor dem skandalösen Enron-Konkurs - eine der ersten.

Woran erkennt man, ob in einem Geschäftsbericht geflunkert und betrogen wird? Selbst Profis scheinen damit Schwierigkeiten zu haben. "Es gibt jede Menge von Warnzeichen. Doch sie bedeuten nicht unbedingt, dass tatsächlich etwas faul ist", sagt der auf Rechnunglegung spezialisierte Professor Sudhakar Balachandran von der Columbia Universität. Schon einfache Dinge könnten den Laien stutzig machen, sagt Balachandran. Beispielsweise bedarf es stets einer Erklärung, wenn die Gewinne weit rascher wachsen als der Umsatz. Oder wenn Gewinn, Umsatz steigen aber der Cash Flow zurückgeht.

"Alles was den Verdacht erregt, dass die Gewinne übertrieben sind, ist einen zweiten Blick wert", sagt Balachandran. Dazu kann gehören, dass Finanzchefs die Gewinne aus anderen Perioden vorziehen, oder Kosten verschieben. Um solche Manipulationen zu entdecken, lohne immer der Blick auf den Cash Flow: Fließt tatsächlich auch Geld in die Kasse? "Enron hatte im Juni 2001 einen Gewinn von 404 Mill. $, gleichzeitig aber waren 527 Mill. $ Bares abgeflossen. So etwas müsste stutzig machen", sagt Balachandran.

Weiteres Verdachtsmoment: Die von Kunden noch nicht beglichenen Rechnungen (accounts receivables) oder auch direkte Kredite an Kunden steigen stark an. Das war beispielsweise bei Motorola der Fall. So entdeckten Anleger am 30. März 2001 im Quartalsbericht des Konzerns, dass der türkische Mobilfunk-Konzern Telsim dem Telekom-Ausrüster 1,7 Mrd. $ schuldete. Motorola hatte Telsim das Geld geliehen, um dem Mobilnetz-Betreiber Geräte im Wert von 1,5 Mrd. $ zu verkaufen. Der Trick, potenziellen Kunden von zweifelhafter Bonität Kundenkredite zu gewähren um den Umsatz anzukurbeln war zuletzt in der gesamten Telekom-Branche an der Tagesordnung.

Einen zweiten Blick verdienen auch Veränderungen in der Gewinn-Ermittlung oder plötzliche Gewinnsprünge, die nicht zum historischen Muster passen, erläutert Prof. Balachandran. So ist es ein beliebter Trick, die künftig zu erwartende Rendite aus Pensions-Rückstellungen rein rechnerisch zu erhöhen und damit die Überschüsse in der Pensionskasse größer erscheinen zu lassen. IBM etwa hat 2000 die angenommene Rendite von 9,5 % auf 10 % angehoben und damit den Jahresgewinn um 196 Mill. $ aufgebessert. Weitere Varianten: Die Lebensdauer von Anlagen wird künstlich erhöht, um die Abschreibungskosten zu senken, oder die über lange Zeiträume ermittelte Rate säumiger Zahler wird plötzlich niedriger kalkuliert. Auch Kosten in einem Quartal zu konzentrieren kann sich manchmal lohnen.

Trotz kritischer Presse noch längst nicht vom Tisch ist das Thema Pro-Forma-Statements. Das sind in Presse-Mitteilungen veröffentlichte Gewinne, bereinigt von allen Einmalposten und Sonderausgaben. Sie werden von Analysten als Basis für die Beurteilung einer Aktie verwendet. Was die Konzerne dabei als Einmal-Kosten ausschließen und zum Gewinn mit einrechnen, ist ihnen freigestellt. Die Wertpapieraufsicht SEC kontrolliert lediglich die nach GAAP-Regeln eingereichten Quartals- und Jahresberichte. Im vergangenen Jahr fielen die nach SEC-Vorschrift errechneten Gewinne aller im S&P 500 vertretenen großen US-Firmen im Schnitt um 53 % schlechter aus, als die zuvor präsentierten Pro-Forma-Gewinne, ergab eine Studie der Investmentbank Merrill Lynch.

Auch in der abgelaufenen Saison konnten viele es nicht lassen, ihre Gewinne zu schönen. Die Goodwill-Abschreibung fiel erstmals weg, eine optische Gewinn-Verbesserung, welche das Gewinn-Wachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum höher erscheinen ließ. "Konzerne wie die Citigroup oder General Motors hätten ehrlicherweise auch die Vorjahres-Ergebnisse anpassen müssen, doch sie taten es nicht", sagt Analyst Chuck Hill vom Finanzinformationsdienst First Call.

Vor Fehlgriffen ist trotzdem keiner gewappnet: "Geld richtig zu investieren ist schwieriger, als ein Auto zu fahren, doch leider glauben viele, sie bräuchten für ihr Portfolio- Management keinen Fahrunterricht", sagt Balachandran.

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