Wie Irland mit der Konkurrenz aus den osteuropäischen EU-Ländern umgeht
Der neue Blick der Wirtschaftswunderinsel

Jeden Tag hat Paddy White die Realität vor Augen. Wenn sich der irische Manager auf seinem abgewetzten Bürostuhl zurücklehnt und aus dem Bürofenster schaut, kann er den mächtigen gelb-braunen Flachbau einfach nicht übersehen. "Die sind schon weg", sagt der Firmenchef an diesem Morgen und streckt sich. "Und die kommen auch nicht mehr wieder."

DUBLIN. Vor dem einstigen Motorola-Werk auf der Wiese gegenüber wiegen sich die Primeln im Wind. Ein Kaninchen hoppelt über den Fußweg. Dabei war hier noch vor wenigen Jahren richtig Betrieb. Der Chip- und Handyhersteller Motorola beschäftigte bis zu 1400 Mitarbeiter. Jetzt wachsen auf dem Gelände nahe dem Dubliner Flughafen Grasbüschel in den Plattenritzen, warten die sechs großen Hallentore an der Laderampe wie erstarrte Mäuler vergeblich auf Nahrung.

"Was hier für Motorola produziert wurde, wird heute in der Tschechischen Republik hergestellt", sagt White. Dabei blitzen seine Augen listig hinter der feinrandigen Brille. Der Chef der irischen Firma Real Time Technologies, einem Zulieferer und Dienstleister für die Chip- und Telekomindustrie, ist selbst auf dem Sprung nach Osteuropa. Erst vor wenigen Monaten hat der Ire in der Tschechischen Republik eine Tochterfirma gestartet. "Wir müssen eben unseren Kunden folgen", sagt er und zuckt mit den Achseln. Dabei spannt sein blaugrauer Arbeitskittel um den Körper.

Allein 40 japanische Elektronikhersteller seien bereits in der Tschechischen Republik, sagt White. "Alle großen Chiphersteller sind schon da." Da darf seine Firma nicht fehlen. Bei Real Time Technologies werden zum Beispiel im Auftrag Platinen hergestellt oder auch Superchips aus dem Ausschuss großer Hersteller repariert. "So ein Chip kostet 75 Dollar", sagt White und nimmt einen schwarzen Mega-Speicher in die Hand, die in einem Pappkarton liegen. "Wir reparieren es für 25 Dollar, das lohnt sich für den Produzenten immer noch." Allerdings nur, wenn der Transportweg nicht zu weit ist. Als Intel-Mitarbeiter Paddy White 1996 mit acht Mitarbeitern seine Firma gründete, war das kein Problem. Der erste Großkunde saß keinen Steinwurf entfernt, es war der Konzern von nebenan - Motorola.

Doch Motorola ist weg, White und seine 60 Mitarbeiter sind noch da. So geht es inzwischen vielen irischen Firmen, die sich während des Wirtschaftsbooms im Schatten von Microsoft, Intel, Dell und Pfizer geaalt haben. Vor allem wegen der Lohnkosten muss die Insel nun aber neu rechnen und den Wettbewerb aus den EU-Staaten im Osten fürchten. "Vor allem bei der Massenherstellung wird die Insel weiter verlieren", ist Realist White überzeugt. Microsoft, Gateway oder Apple - die meisten haben in Irland abgebaut. Die Karawane zieht weiter.

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