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Wie können wir Ausländer besser integrieren, Herr Öger?

Lange hat es gedauert bis man in Deutschland die bestehenden Realitäten politisch zur Kenntnis genommen hat. Denn faktisch ist Deutschland schon lange ein Einwanderungsland.

Seit 1954 sind rund 31 Millionen Ausländer und Deutsche - etwa aus Russland oder Siebenbürgen - in die Bundesrepublik gezogen. Doch jahrzehntelang fehlte ein zeitgemäßes Gesamtkonzept für die Steuerung der Zuwanderung und der Integration - zwei Bereiche, die untrennbar miteinander verbunden sind.

Es ist beschämend, was politische Ränkespiele und wahltaktische Überlegungen mancher Politiker erst recht in den vergangenen Monaten aus diesem wichtigen Thema gemacht haben - bis hin zu dem unwürdigen Schauspiel bei der Abstimmung im Bundesrat. Was gegenwärtig geschieht, widerspricht den Interessen der Wirtschaft und der Gesellschaft.

Natürlich wäre ein planloses Öffnen der Grenzen Unsinn. Zuwanderung ist dennoch unverzichtbar - sowohl für den Arbeitsmarkt als auch in demographischer Hinsicht. Es fehlen 1,5 Millionen qualifizierte Arbeitskräfte in Deutschland. Spätestens 2010 wird der Geburtenrückgang gravierende Auswirkungen auf Arbeitsmarkt, Wirtschaft und die sozialen Sicherungssysteme haben. Der Wohlstand Deutschlands steht auf dem Spiel.

Schlüssige Integrationskonzepte und das Geld dafür müssen bereit gestellt werden: Die Aufnahmegesellschaft muss Zuwanderern mit dauerhafter Aufenthaltsperspektive einen gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt und zum Bildungssystem ermöglichen. Die Zuwanderer ihrerseits sind gefordert, Deutsch zu lernen, denn das Beherrschen der Sprache ist einer der wichtigsten Schlüssel.

Zuwanderer sollten in Integrationskursen systematisch mit der deutschen Sprache, den Grundzügen der politischen Ordnung und des gesellschaftlichen Systems sowie der Funktionsweise des Arbeitsmarktes vertraut gemacht werden. Ohne Teilnahme und Lernbereitschaft der Migranten läuft allerdings auch ein breites Kursangebot in die Leere. Zuwanderer sollten sich darum in individuell abgeschlossenen Integrations-Verträgen verpflichten, an den Kursen teilzunehmen und einen angemessenen Anteil an den Kurskosten übernehmen. Bei erfolgreicher Teilnahme kann ein Teil der Kosten zurückgezahlt werden.

Mütter und Lehrer besser vorbereiten

Die Einwanderer der ersten türkischen Generation nach 30 Jahren noch zu integrieren, ist eine sehr schwierige Aufgabe. Aber man muss unbedingt versuchen, deren Kinder und Enkel, die in Deutschland aufgewachsen sind, eine Perspektive zu bieten, denn bei der Aus- und Weiterbildung bestehen für viele Menschen der zweiten und dritten Generation erhebliche Defizite. Hier muss man schon bei den Müttern ansetzen, damit sie ihren Kindern auch die deutsche Sprache beibringen und sie in den Kindergarten bringen. Deutsche Lehrer müssen besser auf die Situation vorbereitet werden, teilweise mehr als 50 Prozent Kinder ausländischer Herkunft in ihrer Klasse zu haben. Förderkurse könnten schulische Defizite beseitigen. Und nicht zuletzt kann der öffentliche Dienst der Privatwirtschaft ein Vorbild sein und verstärkt qualifizierte Stellen an Migranten vergeben.

Welche Bereicherung Ausländer darstellen, ist leicht zu belegen. Nach Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI haben Ausländer in den vergangenen zehn Jahren jährlich 15 Milliarden Euro mehr in die Sozialkassen eingezahlt, als sie entnommen haben. Migranten zahlen acht Prozent des Gesamtaufkommens in die Rentenkasse ein, erhalten aber nur 2,5 Prozent ausgezahlt. Und die Krankenkassen entlasten sie per saldo um fünf Milliarden Euro pro Jahr.

Die Bereicherung ist aber natürlich nicht bloß wirtschaftlicher Natur. Fremde Kulturen bereichern das Leben in Deutschland: Wir gehen selbstverständlich Pizza, Paella und Döner essen, kaufen Zucchini, Avocados, asiatische Gewürze, hören Musik aus aller Welt. Möchten Sie noch auf diese Vielfalt verzichten? Wie trist und eintönig muss das Leben in den 30-er Jahren gewesen sein, als das Deutschtum staatlich geregelt wurde.

Wir brauchen ein modernes Einwanderungsgesetz und schlüssige Integrationskonzepte mit Pflichten und Regeln - unter Berücksichtigung von humanitärer Verpflichtung, demographischer Entwicklung und wirtschaftlichem Bedarf. Und das schnellstmöglich. Integration ist aber auch ein gesellschaftlicher Prozess: Hier sind Kirchen, Verbände, Wirtschaft, Gewerkschaften und nicht zuletzt die Medien mit ihrer aufklärenden Wirkung gefragt, ihren Beitrag zu einem friedlichen und für alle produktiven Zusammenleben zu leisten. Das Thema ist zu wichtig, um es allein den Politikern zu überlassen.

Vural Öger ist Reiseunternehmer in Hamburg. Er war Mitglied der Zuwanderungskommission der Bundesregierung.

Aufgezeichnet von Dietrich Creutzburg.

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