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Wie kommt der Mittelstand künftig an Kredite, Herr Leibinger?

Sicher in ähnlicher Weise wie bisher, indem mit der Hausbank oder den Hausbanken über das Geschäftsergebnis gesprochen wird: über die Ziele, die Pläne und dann auch über die Finanzierung. Aber es wird vermutlich Wandlungen geben. Zum einen auf der Bankenseite: Ich sehe eine große Chance für die Sparkassen und die Volksbanken, stärker ins Spiel zu kommen.

Beide waren immer regional näher an den mittelständischen Unternehmen, und sie kennen sich in deren Größenordnung auch eher aus als die Großbanken.

Zum anderen werden sich die Unternehmen verändern. Sie müssen sich überlegen: Ist der Partner an mir interessiert, passen wir zu ihm? Der kleine Mittelständler, hoch achtbar, fleißig und tüchtig, muss sich sagen, ohne deshalb gekränkt zu sein: Die Großbanken haben einen anderen Zuschnitt. Sie haben nicht die Organisation und die Leute, um auf mich eingehen zu können. Bin ich folglich nicht besser bedient, wenn ich mit einer Bank zusammenarbeite, die in meiner Region tätig ist - ob regionale Bank, Genossenschaft oder Sparkasse ?

Aber mit welchen Banken der Mittelstand künftig auch zusammenarbeitet: Er wird eine andere Informationspolitik und Gesprächskultur mit ihnen pflegen müssen. Teil der Unternehmensführung ist die Darstellung der Unternehmen in der Öffentlichkeit, aber auch gegenüber den Geschäftspartnern und den Kreditgebern. Dazu gehört nicht nur eine Erläuterung der Bilanz, sondern auch der Geschäftspläne. Und es gehört auch dazu - was die Mittelständler oft vergessen - das Verständnis für die Bank in dem Sinn, dass man sich überlegt, was ist für sie interessant, welche Geschäfte will sie mit uns machen ?

Kredite sind nur ein Teil des Geschäfts. Daneben gibt es den Zahlungsverkehr, den Umgang mit Derivaten, also zu Kurssicherungen, und Ähnliches. Auch ein Mittelständler muss begreifen, dass eine Bank eine Geschäftsverbindung gesamtheitlich sehen muss und nur Interesse daran hat, wenn sie daran auch verdient. Das ist bisher meiner Meinung nach von vielen zu wenig beachtet worden.

Die gesamtheitliche Sichtweise gilt auch für die Banken. Gegenwärtig wird das Kreditgeschäft von ihnen zunehmend restriktiv gehandhabt. Am besten sehen wir das bei erteilten Aufträgen mittelständischer Kunden, die später wieder storniert werden - fast immer mit dem Zusatz: Finanzierung gescheitert. Die Kreditvergabe ist kritischer geworden. Übrigens auch in den USA.

Hinzu kommt, dass die Banken ihre Konditionen verändern, weil sie das Kreditgeschäft als defizitär - oder zumindest nicht lukrativ - betrachten. Dabei wird aber zu wenig der Zugang zu anderen Geschäften gesehen. So wie in einer Maschinenfabrik der Aufbau einer Entwicklung oder einer Vertriebsorganisation - was auch Geld kostet - Voraussetzung ist, um weitere Geschäfte zu machen, so muss bei den Banken das Kreditgeschäft etwas sein, was zu weiteren Geschäften führt.

Das muss aber derjenige auch begreifen, der das Geschäft mit der Bank macht. Er muss dann die Derivate auch über die Hausbank abwickeln und nicht über einen zweiten oder dritten, der sich smart in der Welt tummelt und die Mühen des Kreditgeschäfts nicht auf sich nimmt. Das ist sicher ein Lernprozess auf beiden Seiten.

Grundsätzlich ist zu Basel II zu sagen: Das Abkommen ist noch nicht ausformuliert. Im Moment sieht es so aus, und unsere Bundesregierung hat es sich ja auch an ihre Fahnen geheftet, als ob ein Durchbruch für den Mittelstand erzielt worden sei. In dem Sinn, dass Kredite unter einer Million behandelt werden wie Privatkredite und damit mit anderen Hinterlegungsvorschriften beaufschlagt werden als Firmenkredite bisher. Damit hätten sich für 95 % der Unternehmen, aber nicht für das große Gewicht der Kredite, die Bedingungen zum Positiven verändert. Aber der jetzige Verhandlungsstand ist nicht unbedingt der Endgültige. Das Abkommen wird erst im Herbst verhandelt und endgültig festgelegt.

Basel II hat aber, und das wird nachhaltig sein, vor allem eines verändert: das Bewusstsein, dass die Beurteilung von Firmen von außen - Stichwort Rating - Teil des Kreditgeschäftes werden wird. Und man tut gut daran, sich mit diesem Rating zu befassen. Wir haben unser Unternehmen bereits von allen drei Banken, mit denen wir arbeiten, raten lassen, wobei wir eine recht gute Wertung bekamen.

Auf der anderen Seite wird mit dem Rating nur etwas formalisiert, was schon immer stattgefunden hat. Ich war acht Jahre lang im Kreditausschuss der größten Sparkasse hier im Land. Dort habe ich erlebt, wie aus der Kenntnis des Unternehmens über Kreditvergabe, Kreditverlängerung und auch über Konditionen gesprochen wurde. Und diese Kenntnis war nichts anderes als ein Rating. Nur erfolgte es betriebsintern und aus der unmittelbaren Erkenntnis des Bearbeiters beziehungsweise des zuständigen Vorstands über das Unternehmen.

Aufgezeichnet von Waldemar Schäfer.

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