Wie Michael Schminke auszog, um zu Litauens größtem Fahrradhersteller aufzusteigen
Auf zwei Rädern von Litauen in die EU

Wie Michael Schminke auszog, um zu Litauens größtem Fahrradhersteller aufzusteigen. Mittlerweile produziert die Pantherwerke AG aus dem westfälischen Löhne zwischen 60 und 70 Prozent seiner Fahrräder in Siauliai.

SIAULIAI. Punktgenau setzt Aurelija Paulauskiene die Spritzpistole an, sprüht weißen Lack auf Tretlager und Vorderrohr des silbrig glänzenden Fahrradrahmens. Dann entschwindet der vorbehandelte Rohling am Haken des Förderbandes in einen riesigen Kasten aus Stahl und Glas.

Jetzt sind die Roboter dran: Zwei Düsen schwirren auf und ab, sprühen den Lack so fein, dass die mikroskopisch kleinen Tröpfchen mit bloßem Auge nicht einmal als Nebel erkennbar sind. Wie von Geisterhand ist der ganze Rahmen nach wenigen Sekunden weiß lackiert.

"Diese Anlage nutzt elektromagnetische Effekte", erklärt Dirk Zwick, "der wasserlösliche Lack bleibt daher am Rahmen hängen." Der 36-jährige Deutsche ist Direktor des Fahrradherstellers Baltik Vairas in der litauischen Industriestadt Siauliai. Das Werk in der Baltenrepublik gehört dem deutschen Unternehmen Pantherwerke AG aus dem westfälischen Löhne. Mittlerweile produziert das mittelständische Unternehmen zwischen 60 und 70 Prozent seiner Fahrräder in Siauliai.

Erst vor zwei Jahren wurde die hochmoderne Lackieranlage für den nahezu geruchsfreien wasserlöslichen Lack installiert - eine Investition von 1,3 Millionen Euro. Durch die Anlage laufen Rahmen für 25 verschiedene Fahrradtypen - vom Full-Suspension-Mountain-Bike bis hin zum schwarz lackierten Nostalgiefahrrad.

Im Jahre 1993 stiegen die Pantherwerke bei der Privatisierung des damals staatlichen Fahrradherstellers "Vairas" ein. Rund 9 Mill. Euro beträgt mittlerweile das Stammkapital der Firma, und das entspricht auch in etwa dem Investitionsvolumen. "Ich suchte im Baltikum nach einem Produktionsstandort und wurde hier fündig", sagt Firmeninhaber Michael Schminke. "Entscheidend war der ausgeprägte Wille der Mitarbeiter, die Zustände der alten Zeit zu verändern und neue Regeln zu akzeptieren."

Damals, nur knapp zwei Jahre nach der Loslösung Litauens von der Sowjetunion, war der Betrieb noch völlig von sozialistischer Planwirtschaft geprägt. Mit dem Einstieg bei Baltik Vairas 1993 zählten die Pantherwerke zu den Pionieren, die sich aus dem Westen nach Litauen trauten. Für die mit 3,7 Mill. Einwohnern größte Baltenrepublik waren die ersten Gehversuche nach der Wiedererlangung der Selbstständigkeit nicht leicht. Der Übergang zu Marktwirtschaft kam nur schleppend in Gang. Ständige Regierungswechsel verzögerten die dringend notwendigen Reformen. Die Privatisierung der Staatsbetriebe kam langsamer voran als in Lettland und Estland. Bis in die zweite Hälfte der 90er Jahre galt Litauen als Nachzügler in der Region.

Doch trotz einiger Schwierigkeiten in dieser Anfangszeit gab es für die Pantherwerke auch positive Erlebnisse. "Wir hatten ein großes staatliches Unternehmen übernommen", erzählt Dirk Zwick, "das gab uns im Umgang mit Behörden eine gewisse Stärke." Besonders der Zoll, in vielen osteuropäischen Ländern verschrien, zeigte sich kooperativ. "Die verstehen sich als Dienstleister", lobt Zwick, "denn wir sind einer der größten Im- und Exporteure in der Region."

Von den 2 000 Fahrrädern, die in Siauliai täglich produziert werden, sind die meisten für den Export bestimmt: 70 Prozent gehen nach Deutschland, weitere 20 Prozent in andere EU-Länder. Vier bis fünf Lkws verlassen den Hof der Fabrik jeden Tag. Die Anbindung für den Export nach Westen ist ideal: Von Siauliai sind es zwei Fahrtstunden bis zur litauischen Hafenstadt Klaipeda. Von dort geht es per Schiff über die Ostsee nach Kiel. Vertrieben werden die Räder in Deutschland unter den Markennamen Panther, Göricke und Bauer.

"Von 1998 an ging es mit Litauen deutlich bergauf", erzählt Dirk Zwick. Eine der Ursachen war ein Schock. Die russische Rubelkrise zog zunächst auch Litauens Wirtschaft in ihren Sog - bis die Litauer umdachten: Hatten sie zuvor stets nach Osten geblickt, so wandten sie sich nach der Rubelkrise wirtschaftlich westwärts. Viele Gesetze wurden mit Blick auf die EU-Verhandlungen harmonisiert. Mit dieser politischen Wende zog Litauen auch stärker als zuvor das Interesse ausländischer Investoren auf sich. Die Wirtschaft des einstigen Nachzüglers begann zu boomen - zurzeit wächst sie mit 6,5 % im Jahr. Auch für Baltik Vairas laufen die Geschäfte gut. "In den vergangenen fünf Jahren haben wir unseren Umsatz verdoppelt", bilanziert Zwick.

So gut wie alle Mitarbeiter des Unternehmens sind Litauer. Nur der Leiter des Finanz- und Rechnungswesens und Direktor Dirk Zwick stammen aus Deutschland. Der gelernte Fräser und studierte Betriebswirt Zwick lebt seit 1995 in Litauen - und fühlt sich wohl. "Die Litauer wissen, dass sie sich Aufschwung und einen höheren Lebensstandard erarbeiten müssen", sagt er, "deshalb sind sie so motiviert bei der Sache, und das macht Spaß."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%