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Wie schaffen wir ein Europa der Bürger, Frau Sauzay?

Eine gemeinsame europäische Identität entsteht nur, wenn Europäer auf vielen Ebenen ihre nationalen Sichtweisen überwinden. Diese These vertritt die Kanzler-Beraterin Brigitte Sauzay. Studenten sollten mehr Auslands-Semester absolvieren, Medien verstärkt europaweit kooperieren. Dazu müssten politische Reformen kommen.

Eine gemeinsame Identität fängt bei der Sprache an. Deshalb verstehe ich nach mehr als 50 Jahren europäischer Einigung gar nicht, wieso in Europa nicht längst vorgeschrieben ist, dass Studenten ein oder zwei Jahre im Ausland studieren müssen. Das schafft gemeinsame Erfahrungen und Sichtweisen, die über das bloße Sprachenlernen weit hinausgehen. Denn wenn man seine Nachbarn wirklich verstehen will, muss man mit/bei ihnen gelebt haben.

Junge Europäer sollten zudem schon im Kindergarten andere Sprachen lernen. Ziel muss es doch sein, dass jeder Jugendliche in der Europäischen Union künftig drei Sprachen spricht: seine Muttersprache, Englisch als das moderne Latein - und dann eine weitere Sprache eines EU-Staates.

Defizite gibt es aber auch bei den Medien. Sie vermitteln nach wie vor kein gemeinsames Bild von Europa, sondern nur nationale Sichtweisen. Auch der Sender Euro-News hat diese Lücke nicht schließen können. Warum gibt es eigentlich so wenig Medienfusionen zwischen den EU-Staaten? Ich wäre bei Übernahmen sehr für eine Bevorzugung europäischer Käufer. Dabei wäre es etwa auch wichtig, einen europäischen Film zu entwickeln. Schauspieler müssten nicht nur in einem Land, sondern ganz Europa bekannt sein. Der nächste deutsch-französische Gipfel in Schwerin beschäftigt sich mit diesen Fragen, und immerhin gibt es mit der deutsch-französischen Filmakademie, die Bundeskanzler Gerhard Schröder gemeinsam mit Staatspräsident Jacques Chirac vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat, gute Ansätze.

Aber den wirklichen Durchbruch erreicht man nur, wenn Europa auch im täglichen Fernsehprogramm spürbar wird. Doch die Programme sind immer noch weitgehend national abgeschottet. Dabei gibt es doch zig Ideen, warum setzt die keiner um? Warum gibt es etwa keine Spielshows à la "Big Brother", in denen Kandidaten aus mehreren europäischen Ländern zusammen im Container sitzen? Oder zumindest ein Aupair-Mädchen im Gastland? Es gehört einfach nicht zur Normalität, dass europäische Ausländer in Sendungen auftauchen. Es wäre interessant, Ausländer einmal so zu behandeln, als ob sie keine wären. Wer weiß, vielleicht würde es ja auch helfen, ein gemeinsames europäisches Fußballteam aufzustellen.

"Europäische Identifikationsfigur"

Ich weiß natürlich, dies alleine reicht nicht. Es muss auch politische Reformen geben. Die Bürger müssen das Gefühl haben, dass Europa für sie von Interesse ist. Sie haben nur Lust zu wählen, wenn sie wissen, was der Politiker durchsetzen kann, dem sie ihre Stimme gegeben haben. Zudem brauchen sie eine europäische Identifikationsfigur - wobei ich gar nicht sagen will, wer dies sein und wie er gewählt werden sollte. Vielleicht ein Präsident? Aber dazu soll ja der Europäische Konvent Vorschläge machen.

Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass die Regierungen die vorgeschlagenen Reformen dann akzeptieren werden. Zurzeit spürt man schon eine erhebliche Verunsicherung. Die nationalen Diplomatien und die klassischen Machtzentren in Europa wissen nicht mehr, wo künftig ihr Platz sein wird. Und der Bürger spürt, dass er mehr an Europa zu gewinnen als zu verlieren hat. Aber es ist ein ziemlich zähflüssiger Prozess. Das Wichtigste ist dabei, dass sich alle selbst überwinden müssen. Im Grunde ist Europa eine Askese. Wir kommen nur voran, wenn wir über unsere eigenen Interessen hinausgehen.

Aber ich bin optimistisch. Immer mehr Leute spüren doch, dass Europa eine Möglichkeit ist, einer Fremdbestimmung in einer globalisierten Welt zu entgehen. Die Welt ist groß - und da müssen sich die relativ kleinen europäischen Länder zusammenschließen, wenn sie mitreden wollen. Das ist schon beim Thema Handel auf dem WTO-Treffen in Doha ganz offensichtlich geworden.

Brigitte Sauzay ist Gründerin des deutsch-französischen Instituts in Genshagen bei Berlin und Beraterin des Bundeskanzlers.

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