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Wie schaffen wir mehr Unternehmergeist in Deutschland, Herr Schumacher?

Um es klar zu sagen: Deutschland liegt in puncto Unternehmergeist hinter nahezu allen Industriestaaten nah an der Abstiegszone. Ohne grundlegende Veränderungen haben wir kaum Chancen, uns wieder vom Tabellenende zu entfernen. Ich sehe hier vor allem die drei Ansatzpunkte: Unternehmen, Politik und insbesondere bei jedem Einzelnen.

Ich habe kürzlich einen Beitrag gelesen, der das Problem verdeutlicht wie kaum eine andere Aussage und der mich erschüttert hat. Dort hieß es, dass rund 50 Prozent aller Hochschulabsolventen das Ziel verfolgen, in den öffentlichen Dienst einzutreten. Es gibt also eine bemerkenswert hohe Zahl von jungen, gut ausgebildeten Menschen bei uns, die ganz offensichtlich die Versorgungssicherheit über alles stellen und unternehmerische Herausforderungen scheuen. Eine derartige Einstellung kann sich ein Staat, der ökonomisch in der Weltliga vorne mitspielen will, nicht leisten.

Der Reformprozess muss bereits in der Grundschule beginnen. Unseren Kindern wird Kreativität und selbstständiges Lernen nicht oder nur unzureichend vermittelt. Die Schüler müssen in die Lage versetzt werden, in ungewohnten Situationen kreative Lösungswege zu entwickeln. Sie müssen lernen, außerhalb von Standards zu denken. Nur so entsteht auch Unternehmergeist.

Mehr Mut zu innovativen Lernstrukturen

Verantwortlich für diese Situation sind nach meiner Beobachtung auch viele Lehrer. Ich vermisse bei ihnen den Mut zu neuen, innovativen Lernstrukturen und-mustern und plädiere dafür, dass der Unterricht unter anderem von Schülern und Eltern evaluiert wird. Oder dass Lehrer sich mit Vertretern von Unternehmen und anderen gesellschaftlichen Institutionen zusammensetzen, um zu analysieren, was und wie Schüler lernen müssen, um auf die Aufgaben der zukünftigen Berufswelt vorbereitet zu sein.

Evaluierungsprozesse und mehr Wettbewerb gehören aus meiner Sicht auch verstärkt in die deutsche Hochschullandschaft. Sicherlich ist in den vergangenen Jahren hier manches in Bewegung gekommen. Aber das reicht nicht aus. Wir haben vor einiger Zeit mit Infineon-Mitteln versucht, einen Studiengang zu fördern: Wir sind dabei fast an der Hochschulbürokratie gescheitert. Ich frage mich, warum nicht ein Auslandsaufenthalt und eine Tätigkeit in einem Unternehmen während der Hochschulzeit als fester Bestandteil in das Studium integriert und anerkannt werden.

Kulturwandel ist Chefsache

Natürlich reichen Bildungsreformen allein nicht aus, um mehr Unternehmergeist zu schaffen. Bei dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe sind Wirtschaftspolitik und Unternehmen ebenso gefordert.

Zum unternehmerischen Kontext: Ich bin ein Anhänger von autonomen Einheiten und Personen in Großunternehmen. Wir haben bei Infineon deshalb Programme aufgesetzt, die den Unternehmer im Unternehmen fördern. In weltweiten Orientierungsworkshops mit über 1 200 Top-Managern haben wir mit externer und interner professioneller Unterstützung die elementaren Aspekte des erforderlichen Kulturwandels bei Infineon identifiziert.

Die Voraussetzungen für den Kulturwandel muss das Management schaffen. Das ist Chefsache. Unternehmergeist muss sich lohnen, wir müssen bereit zum Wandel sein und eine Kultur der Entscheidungsfreudigkeit etablieren, um den globalen Wettbewerb erfolgreich gestalten zu können. Es geht um den Mut der Mitarbeiter zu kontrolliertem Risiko, um ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, unternehmerisch zu denken und Widerstände gegenüber neuen Ideen und Ansätzen zu überwinden. Der letzte Punkt ist gerade für ein innovationsgetriebenes Unternehmen wie Infineon von "kriegsentscheidender" Bedeutung. Das bedeutet aber auch, dass Mitarbeitern Fehler erlaubt sind und sie daraus lernen können.

Basel II erschwert Mittelstandsfinanzierung

Zur Wirtschaftspolitik: Die Bundesrepublik braucht mehr Unternehmergeist, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Dogmatisches Denken behindert zum Beispiel immer noch eine stärkere Flexibilisierung der Flächentarifverträge. Daneben muss es der Politik darum gehen, die leistungsfeindliche hohe Abgaben- und Steuerquote weiter zu senken. Ich bin beispielsweise der Meinung, dass Selbstständige in den ersten Jahren ihrer unternehmerischen Tätigkeit keine Steuern zahlen sollten. Denn sie investieren ihre ohnehin zunächst geringen Gewinne in die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Sorgen bereitet mir auch die zukünftige Finanzierung des Mittelstandes nach Basel II. Wie sollen wir mehr Unternehmergeist in der Bundesrepublik bekommen, wenn die Finanzierung des Mittelstandes erschwert wird? Man muss dies vor allem vor dem Hintergrund sehen, dass es Bundesländer gibt, deren Wirtschaftsstruktur zu über 95 Prozent aus kleinen und mittelständischen Unternehmen besteht.

Es gibt also enorme Herausforderungen, speziell auch für die Politik. Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, in der gegenwärtig schwierigen Phase die politischen Kräfte zu bündeln, wenn die Vision "Erforscht und erfunden in Deutschland" zur Wirklichkeit werden soll.

Aufgezeichnet von Peter Heinacher.

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