Wie sieht es nach dem Kursdebakel aus?
Technologietitel im Tiefflug

Nach dem Kursdebakel der Technologieaktien sehen Experten wieder Chancen für das Jahr 2001. Als interessant gelten Netzwerkausrüster und Speicherhersteller.

Madonna hat mehrere Zusammenbrüche erlitten. Schuld daran ist allerdings nicht die Tatsache, dass sie ihr zukünftiger Ehemann Guy Ritchie unbedingt im Schottenrock heiraten will, sondern das Internet: Während der Live-Übertragung ihres jüngsten Konzertes im weltweiten Datennetz brach die Verbindung bei vielen Nutzern mehrfach zusammen. Obwohl das Projekt auch sonst eher wenig vom versprochenen Konzerterlebnis in DVD-Qualität hatte, ließen es sich neun Millionen Fans trotzdem nicht nehmen, die ruckelnde Übertragung des 29-minütigen Konzerts auf dem PC zu verfolgen. Für Experten zeigte der Microsoft-Versuch immerhin, wie groß die Nachfrage nach solchen Ereignissen ist und wie enorm die Verbesserungsmöglichkeiten noch sind, wenn es um die Übertragung von großen Datenmengen im Internet geht.

"In ein paar Jahren werden wir über die heutige Qualität der Videoübertragungen im Internet schmunzeln, statt verzerrter Bildchen in Briefmarkengröße füllt ein Video in Fernsehqualität dann den ganzen Computerbildschirm", glaubt der Kölner Vermögensverwalter Bert Flossbach. Nach seiner Meinung werden sich im Technologiebereich die Aktien solcher Gesellschaften besonders gut entwickeln, die das Internet schneller und leistungsfähiger machen - so genannte "Enabler", wie sie die Englisch liebende Internetfachwelt nennt. Mit ihren Technologien machen solche Unternehmen es zum Beispiel erst möglich, dass sich Filmfreunde in naher Zukunft ein Video nach eigenem Wunsch aus dem Netz holen und zu Hause anschauen können. "Das Potenzial solcher Unternehmen ist enorm - man muss allerdings die Richtigen rausfinden. Nicht Lucent, sondern Nortel lautet die Devise." Der US-Netzausrüster Lucent hatte nach nicht weniger als vier Gewinnwarnungen in diesem Jahr auch noch zugeben müssen, sich bei den zuletzt revidierten Prognosen verrechnet zu haben. Nortel, der "König der Netzwerkausrüster", erfüllte hingegen bislang brav die eigenen Prognosen, was ihn freilich nicht vor einem heftigen Einbruch der Aktie schützte.

Nach dem Rückgang setzen viele Eperten für das Jahr 2001 wieder auf den Technologiesektor. "Dieser Bereich wird weiter stärker wachsen als die meisten Volkswirtschaften", sagt Deka-Fondsmanager Klaus Töpper, "langfristig sind die Aussichten gut." Auch sein Kollege Klaus Hagedorn von Metzler-Investment ist positiv gestimmt: "Ich schreite zurzeit durch die Trümmer und schaue mir an, was brauchbar ist." Einige Unternehmen seien zu Unrecht unter die Räder gekommen.

Übereinstimmend betonen die Experten aber, dass nach dem Kursdebakel des laufenden Jahres die Zeiten dramatischer Anstiege innerhalb kürzester Zeit vorbei sind. "Ein sorgfältig zusammengestelltes Portfolio mit erstklassigen Unternehmen aus den richtigen Technologiesegmenten sollte aber weiterhin eine gute langfristige Performance sichern", sagt Zanny Perring von Threadneedle Investments. Sie bevorzugt die Bereiche Netzwerktechnik, Datenspeicher und B2B-Internetsoftware. Überzeugend findet sie den Netzwerkhersteller Juniper und den Datenspeicherproduzenten Brocade. Generell gilt allerdings, dass viele Unternehmen aus dem Bereich Netzwerkinfrastruktur trotz der Kurskorrektur immer noch recht teuer sind - dafür sorgt allein schon die Phantasie, die immer noch in diesem Technologiesektor steckt. Beispiel Datenspeicher: Die enorme Menge an Informationen, die im Internet verfügbar sind, muss irgendwo abgelegt werden. In den nächsten zwei bis fünf Jahren werden Unternehmen rund drei Viertel ihrer Hardware-Budgets für Speichertechnologien ausgeben, erwartet das Marktforschungsinstitut Dataquest. Die Kollegen von International Data prophezeien der Branche in den kommenden Jahren ein jährliches Umsatzwachstum von 70 Prozent auf 11,5 Milliarden Dollar im Jahr 2004. Große Spieler am Markt wie EMC oder der Erzrivale Network Appliances hoffen darauf, sich ein großes Stück vom Kuchen abzuschneiden. Sie stellen die Speichermedien her und verbinden sie zu so genannten Storage Area Networks (SAN) - riesige Datendepots, die intelligent verwaltet werden können. Wenn also Microsoft das Madonna-Konzert zum Abruf bereit hält, dann sind die Daten in solch einem SAN abgelegt.

Als nach wie vor interessant gelten Unternehmen, die sich mit mobiler Datenübertragung beschäftigen. Sollte es in naher Zukunft tatsächlich möglich sein, sich ein Madonna-Konzert auch auf dem Handymonitor anzuschauen, entsteht eine enorme Nachfrage bei den Netzausrüstern - gut für Nokia und Ericsson. "Europa hatte sich sehr früh auf einen Mobilfunkstandard geeinigt, Konzerne des Kontinents verfügen daher hier über einen Vorsprung", sagt Deka-Fondsmanager Töpper. Mobilfunk-High-Tech aus Europa gilt daher nicht nur angesichts des steigenden Euros als eine interessante Ergänzung zu den viel gelobten US-Werten an der Nasdaq.

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