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Wie soll und wann darf man sterben?

Seit mehr als einem Jahr diskutiert Spanien darüber, wie und wann man sterben soll und ob der Mensch ein Recht hat, darüber selber zu entscheiden. Anstoss war der preisgekrönte Film "Das Meer in mir" von Alejandro Amenábar.

Seit mehr als einem Jahr diskutiert Spanien darüber, wie und wann man sterben soll und ob der Mensch ein Recht hat, darüber selber zu entscheiden. Anstoss war der preisgekrönte Film "Das Meer in mir" von Alejandro Amenábar. Der junge spanische Regisseur hat mit der Biografie über das Leben des querschnittsgelähmten Ramón und seinem Freitod eine Debatte angestossen, die mit immer neuem Futter genährt wird.

Derzeit steht ein ganzes Krankenhaus vor dem Richter. In einem Vorort von Madrid sollen Ärzte todgeweihte Patienten in der Notaufnahme Sterbehilfe geleistet haben. Andere sagen, sie haben bewusst getötet. Sie selber behaupten, sie hätten nur schmerzstillende Mittel verabreicht. Auf der einen Seite stehen die überzeugten Katholiken, die Euthanasie für verwerflich halten, auf der anderen Seite die vielen Menschen, die selbst auf die eine oder andere Weise von dem Thema betroffen sind.

Denn hierzulande fallen die sozialen Strukturen immer mehr auseinander und der Staat fängt anders als in Deutschland die Opfer dieser Entwicklung nicht auf. Die Jungen sorgen nicht mehr automatisch für die Alten, aber es gibt auch viel zu wenig Heimplätze oder finanzielle Unterstützung für die Pflege zuhause. Behinderte werden aus dem Gesellschaftsleben weitgehend ausgeschlossen, abgesehen von Blinden, für die das Land eine starke Lobby aufgebaut hat.

Das Leben in einer Grossstadt ist bereits schwierig, aber der Tod scheint grausam. Viele sterben alleine in ihrer Wohnung, verwesen, ohne dass es jemand merkt. Wer im Krankenhaus stirbt, wird in Madrid unmittelbar nach dem Tod in eines der vier Massenleichenschauhäuser der Stadt gebracht. Die Verbrennung des Leichnams erfolgt am Tag danach, ebenfalls eine Fliessbandarbeit genauso wie die Beerdigung auf dem direkt an der Autobahn gelegenen kilometerlangen Friedhof, wo bereits die Urnen von Millionen von Menschen in Steinwänden mit kleinen Türen aufgebahrt sind und der Tote nur noch eine Nummer ist.
Da wünscht man sich erst gar nicht zu sterben, weiss aber, dass man darin keine Ausnahme machen kann.


Das Sterben in Spanien vielerorts nicht mehr human ist und die Bestattungen zu kommerziellen Massenakten verkommen sind, mag keiner so recht wahrhaben. Da wird lieber mit aller Macht am Leben festgehalten und nicht über den Tod nachgedacht. Euthanasie wird verteufelt, der gerade verstorbene Papst und seine Leidensfähigkeit verherrlicht. Während die Angehörigen der in der Madrider Notaufnahme gestorbenen Patienten mit aller Macht eine finanzielle Entschädigung sowie harte Strafen für die zuständigen Ärzte fordern, gibt es in den Medien jedoch immer mehr lauter werdende Stimmen, die die Gesellschaft anklagen, Menschen mit zuviel Technologie künstlich am leben zu halten.

Was würde Ramón Sampedro wohl zu all dem sagen? Die junge Frau, die ihm vor zwei Jahren das Gift besorgte, damit er seinem ans Bett gefesseltem Leben ein Ende bereiten konnte, muss jetzt vor Gericht aussagen. Ihr droht eine Gefängnisstrafe. Amenábar versteht den Wirbel in seinem Land nicht: "Wir sollten nicht soviel darüber reden, wann und wie wir sterben dürfen, sondern lieber darüber, was das Leben lebenswert macht und versuchen, unsere Energie darauf zu konzentrieren." Sein Film propagiere nicht die Euthanasie, plädiere jedoch für ein lebenswertes Leben.

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