Wie Stephan Schambach den 90-Prozent-Verlust der Aktie verkauft
Report: Die Hauptversammlung der Geschröpften

Blass und bekommen trat Intershop Gründer und Vorstandschef Stephan Schambach vor die Aktionäre. Der Vorzeigeunternehmer aus dem Osten Deutschlands hat momentan keinen leichten Stand. Ein Scherbengericht immerhin blieb Schambach erspart.

dpa HAMBURG. "Lassen Sie uns gemeinsam diese schwierigen Zeiten durchstehen, um schnellstmöglich wieder an die erlangten Erfolge anzuknüpfen", bat er seine Anteilseigner und fügte hinzu: "Schließlich bin auch ich Aktionär und genau wie Sie am Wohlergehen des Unternehmens interessiert."

Der einstige Popstar der New Economy ist bescheiden geworden. Schambach hatte das Unternehmen als 20-jähriger bereits kurz nach der Wende in Jena gegründet und zunächst märchenhaften Erfolg gehabt: Sein Unternehmen nannte er ironisch nach den Devisen-Läden der DDR Intershop und die Software ist bis heute nach unabhängigen Einschätzungen die beste für den Handel im Internet. "Bis Ende des dritten Quartals 2000 hatte Intershop alle Erwartungen hinsichtlich Umsatzsteigerungen und Ergebnis erreicht", sagte er im Hamburger Congress Centrum. Die Aktie kletterte damals von unter zehn auf mehr als 100 ? und der Ostdeutsche war Milliardär.

Um so härter traf ihn und das Unternehmen der unerwartete Absatzeinbruch in den USA, wo Intershop seine Visionen nicht umsetzen konnte. Aus dem erwarteten Gewinn wurde ein Verlust von 39 Mill. ? und die Aktie stürzte zurück auf 4 ?. Nun steht Intershop vor den gleichen Herausforderungen wie andere Unternehmen der New Economy: Kosten senken, vom Personal bis zu den Büromieten, und das Unternehmen an die gesunkenen Umsatzerwartungen anpassen. Gelingt das nicht, ist nur noch für ein halbes Jahr Geld in der Kasse.

Nur ein Redner griff richtig an

"Durch Selbstüberschätzung und Realitätsferne ist dieses Unternehmen an den Abgrund geführt worden", klagte Jens-Uwe Nölle von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Doch er gab nicht nur dem jungen Unternehmenschef, sondern auch Banken und Analysten die Verantwortung dafür, die Intershop unverantwortlich hochgejubelt hätten. Es blieben die einzigen scharfen Worte auf der Hauptversammlung. Das erwartete Scherbengericht der Aktionäre blieb aus. Wer sich sonst zu Wort meldete, stellte sachliche Fragen.

Lebhafter ging es im Foyer des Congress Centrums zu, wo sich die Aktionäre bei Würstchen und Kartoffelsalat die Köpfe heiß redeten. "Die Hoffnung muss man behalten", sagte ein Biologe aus Hamburg. "Die Aktie wird nicht zum Penny-Stock werden." Er will die Aktie in den nächsten Wochen beobachten und vielleicht nachkaufen, um seine Einstandskosten zu senken. Ähnlich sieht es ein Berater, ebenfalls aus Hamburg: "Das Produkt ist gut; entscheidend ist, ob das Management die Kosten anpassen kann." Auch er will nachkaufen, obwohl er weiß: "Das ist natürlich sehr spekulativ."

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