Wie tief darf die T-Aktie noch sinken, bis die Bundesregierung Telekom-Chef Ron Sommer ablöst?
Deutsche Telekom: Vertrauen erschüttert

Das Lob für Ron Sommer kam von höchster Stelle. "Es besteht kein Anlass, den Mann auszuwechseln", sprang Bundeskanzler Gerhard Schröder dem stark angeschlagenen Telekom-Chef in den vergangenen Wochen demonstrativ zur Seite. "Er hat gut gearbeitet."
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DÜSSELDORF. Es wird das vorläufig letzte Kanzlerkompliment für den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom gewesen sein. Mitarbeiter des Kanzleramtes bereiten - allen Lippenbekenntnissen zum Trotz - hinter den Kulissen längst die Ablösung Sommers vor. Nach den Bundestagswahlen am 22. September, hat Schröder mit Bundesfinanzminister Hans Eichel vereinbart, will sich eine wiedergewählte SPD-Bundesregierung schnell von Ron Sommer trennen. "Das Problem Deutsche Telekom muss nach der Bundestagswahlen dringend gelöst werden", kündigt ein Schröder-Vertrauter an.

Fünf Monate bleiben Sommer noch, um den Sturzflug der T-Aktie zumindest zu stoppen und seinem Versprechen ("Mein Name steht für 65 Euro") wenigstens etwas näher zu kommen. Denn auch ein Regierungswechsel kann den einstigen Börsenliebling nicht retten. Bei der vor vier Jahren abgelösten Kohl-Regierung war der Telekom-Chef bereits in Ungnade gefallen. Auch die neuen Macher in der CDU/CSU und FDP wollen Sommer noch vor Ablauf seines Vertrages im Jahre 2005 loswerden, wenn die öffentliche Stimmung gegen Sommer so mies bleibt wie zurzeit.

Sommers Schicksal hängt an der T-Aktie. Noch eine Hauptversammlung mit aufgebrachten Kleinaktionären will jede Bundesregierung im nächsten Jahr unter allen Umständen vermeiden. Immer wieder hielten enttäuschte Kleinanleger vergangenen Dienstag in der KölnArena dem Telekom-Chef seine Versprechen ("Eine Aktie mit einmaligen Chancen und riesigen Wachstumspotenzialen") und Verluste vor. Wer der Werbung der T-Aktie folgte und bei den drei Tranchen für insgesamt 15000 Euro Aktien bekommen hatte, rechnet die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre vor, hat bis heute knapp zwei Drittel seines Einsatzes verloren. Dass sich gleichzeitig der Vorstand eine Erhöhung seine Bezüge um 90 Prozent genehmigte, brachte die Aktionäre vollends in Rage.

Dem Kanzler, immerhin Herr über 43 Prozent aller Telekom-Anteile, ist inzwischen klar: Der 53jährige Telekom-Chef, 1995 von Sony als glänzender, rhetorisch gewandter Verkäufer geholt, kann seine Talente kaum noch ausspielen. Sommers rein auf Wachstum fixierte Botschaft, das offenbarte auch sein Auftritt auf der Hauptversammlung, kommt bei Anlegern und Investoren nicht mehr an. Der Telekom-Chef, der früher nach jeder Roadshow mit einem gestiegenen Aktienkurs in die Bonner Telekom-Zentrale zurückkehrte, muss heute frustriert zusehen, wie seine Worte wirkungslos an den Finanzmärkten verhallen. Stattdessen ist jetzt ein Sanierer gefragt, der den Schuldenabbau schneller als Sommer vorantreibt und den Konzern in allen vier Bereichen auf Rendite trimmt.

Bislang konnte sich Sommer auf die Rückendeckung der Sozialdemokraten verlassen. Im Telekom-Aufsichtsrat zählen insbesondere der SPD-nahe Arbeitnehmerflügel mit dem künftigen DGB-Chef Michael Sommer an der Spitze zu seinen treuesten Verbündeten. Die Mitglieder der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (früher: Deutsche Postgewerkschaft) rechnen dem Telekom-Chef hoch an, dass er bislang auf einen harten Sanierungskurs verzichtete und beim Arbeitsplatzabbau - jährlich rund 10000 Stellen - Massenentlassungen vermied. Zusammen mit den beiden Vertretern der Bundesregierung im Aufsichtsrat, Finanzstaatssekretär Heribert Zitzelsberger und dem Chef der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), Hans-W. Reich, entstand so eine Machtkonstellation, die andere Aufsichtsräte selten durchbrechen konnten.

Erst die vergangenen zwölf Monate konnten Sommers Vertrauensbasis in der Bundesregierung nachhaltig erschüttern. Gebetsmühlenartig hatte der Telekom-Chef immer wieder vor Aktionären, Aufsichtsräten und Mitarbeitern erklärt, dass die Deutsche Telekom "besser aufgestellt ist als jeder andere Wettbewerber" und er diese "Stärken mit professionellem Aktienmarketing kommunizieren" werde. Herausgekommen sind so viele hausgemachte Hiobsbotschaften, dass jetzt selbst ein Absturz der T-Aktie unter die magische Zehn-Euro-Marke nicht mehr ausgeschlossen ist.

Sommer selbst hat die Kapitalvernichtung vorangetrieben, die sich in den Allzeittiefs an der Börse widerspiegelt. Die viel zu hoch ersteigerten UMTS-Lizenzen in Großbritannien und Deutschland (15,5 Milliarden Euro) sowie die viel zu teure Auslandsexpansion mit dem Kauf von Voicestream und One2One (46 Milliarden Euro) treibt die Telekom-Bilanz für weitere drei Jahre tief in die roten Zahlen.

Bitter aufgestoßen ist dem Großaktionär auch die Vernichtung von Milliardenwerten auf dem Heimatmarkt. Sommers Entscheidung, in Deutschland mit Dumpingangeboten im Highspeed-Internet (T-DSL) eine De-facto-Monopolstellung mit derzeit 2,5 Millionen Kunden aufzubauen, beschleunigt nur den Wertverfall der noch zum Verkauf stehenden Fernsehkabelnetze, die zum schnellen Schuldenabbau beitragen sollten. Statt 5,5 Milliarden Euro, wie noch mit Liberty-Chef John Malone ausgehandelt, kalkuliert die Deutsche Telekom jetzt nur noch drei Milliarden Euro als Verkaufserlös ein. Die Minderheitsanteile an Ish und Iesy, den bereits verkauften Kabelnetzbetreibern in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen, verlieren noch schneller an Wert.

Die Sommer-Opposition sucht allerdings noch nach einer personellen Alternative, der die Sanierung der Telekom-Schulden genauso wichtig ist wie die Expansion in neue Märkte. Potenzielle Kronprinzen - wie dem erst 40-jährigen T-Mobile-Chef Kai-Uwe Ricke - trauen viele die Sommer-Nachfolge nicht zu. Dem anderen Vize Josef "Jo" Brauner, der intern nur der "Schweiger" geannt wird, fehlt das Charisma, um aus Sommers Schatten herauszutreten. Zudem gelten beide als loyale Sommer-Vertraute, die die Strategie des Chefs immer und in allen Punkten mitgetragen haben.

Ein starker externer Kandidat dürfte aber ebenfalls nur schwer zu finden sein. Vorstandschefs anderer deutscher Großkonzerne, bei denen Headhunter schon zweimal in den vergangenen Jahren anklopften, winkten bislang immer ab.

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