Wie Unternehmen 2003 versucht haben, die Krise zu meistern - und wie einige daran gescheitert sind
Kreativität kommt bei den Unternehmen erst im freien Fall

Menschentrauben vor geschlossenen Schaltern, Sitzblockaden auf Bahnhöfen und Zugfahren per Daumen auf offener Strecke: Es sah so aus, als habe die Deutsche Bahn von ihrem Aktionär, dem Bund, für 2003 den Auftrag erhalten, den Deutschen in schweren Zeiten einen gemeinsamen Gegner zu geben. Weit gefehlt. Bahn-Boss Hartmut Mehdorn hat immer noch den Auftrag, Passagiere pünktlich ans Ziel und die Bahn an die Börse zu bringen. Was auch immer Grund dafür war: 2003 ging die Reise in die entgegengesetzte Richtung.

HB DÜSSELDORF. Vor einem Jahr hatte Mehdorn seinen Kunden die Bahncard unterm Weihnachtsbaum wegrationalisiert und ein neues Preissystem eingeführt. Die Kunden wichen auf andere Verkehrsmittel aus. Im Sommer fehlte der Bahn beim Fernverkehr dann rund ein Fünftel des geplanten Umsatzes in der Kasse. Mehdorn verhielt sich marktgerecht. Er führte die alte Bahncard wieder ein - nicht ohne sie dabei ein sattes Drittel teurer zu machen als zuvor.

Nun will Mehdorn endlich die haarsträubenden Verspätungen abstellen. Eine Kampagne soll den Eisenbahnern klar machen, dass sie nicht für Bezüge und Pensionsansprüche, sondern für den Kunden arbeiten, und soll ihnen die "Null- Fehler-Mentalität" nahe bringen.

Unternehmen zu führen bedeutet, Entscheidungen zu treffen und dabei Risiken einzugehen, um Chancen zu nutzen. Nicht immer geht das gut. Den Airlines, die Mehdorns geschwächter Bahn die Kunden abspenstig machen wollten, gelang 2003 nicht viel. Vor allem die Ferienfluglinien gerieten in Turbulenzen. Gegen die Tiefpreise der in den Chartermarkt expandieren Billigflieger sind klassische Airlines auf kürzeren Flugstrecken machtlos. So stellte Aero Lloyd Mitte Oktober ihren Flugbetrieb komplett ein, weil Großaktionär Bayerische Landesbank um sein Geld bangte.

Allerdings gilt das Fliegerwort "Runter kommen Sie immer" für Aero Lloyd nicht: Insolvenzverwalter Gerhard Walter will neben dem Rennfahrer und Flugunternehmer Niki Lauda Aero-Lloyd- Mitgründer Bogomir Gradisnik an Bord holen und die Lloyd-Flieger wieder in die Luft bringen. Auch die Krise bei Condor wurde durch einen Modellfall von Luftrettung entschärft: Der angeschlagene Ferienflieger von Thomas Cook entkam durch Stillegung eines Drittels seiner Flotte dem Absturz. So steht der Branche die Marktbereinigung noch bevor.

Anderswo versuchten deutsche Unternehmenslenker, beherzt klare Verhältnisse zu schaffen. So schlug Bayer-Boss Werner Wenning im November den gordischen Knoten durch, der Deutschlands letzten integrierten Chemie- und Pharmakonzern zusammen hielt. Bayer wird sich bis Anfang 2005 von seinem Chemiegeschäft trennen.

Doch die Abspaltung der Chemiefirma New Co. dürfte nicht ohne Komplikationen bleiben. Das zeigt das Beispiel der 1999 von Rhône- Poulenc verselbstständigten Rhodia, die in diesem Jahr in akute Existenznot geriet. Die Großaktionäre setzten den Vorstandschef vor die Tür. Sein Nachfolger Jean-Pierre Clamadieu muss nun alles verkaufen, was nicht niet- und nagelfest ist. Konkurrent Degussa überraschte im Herbst durch Sonderabschreibungen auf seine Feinchemie. Mit 500 Mill. Euro Volumen könnten sie das Konzernjahresergebnis in die roten Zahlen treiben.

Großreinemachen war auch unter Stromerzeugern angesagt. So war RWE-Vorstandschef Harry Roels noch mit den Aufräumarbeiten der Schmiergeldaffäre rund um den Abfallunternehmer Hellmut Trienekens beschäftigt, da sah er sich in Sachen neue Konzernstruktur im Sommer der Front seiner Kommunalen Aktionäre gegenüber. Eine Einigung kam erst in letzter Sekunde.

Bei EnBW hat Sanierer Utz Claassen gleich zu Amtsantritt alle Register gezogen. Er will das ertragszehrende Dickicht von Industriebeteiligungen lichten. Ein "Weiter so" kann sich nämlich EnBW-Aktionärin Electricité de France nicht leisten, die ihrerseits mit Auslandsbeteiligungen in der Bredouille steckt. Wenigstens sind die Stromer auf dem alten Kontinent noch nicht so weit wie ihre Kollegen in der neuen Welt. In den USA brach im Juli die Mirant Corp. unter der Last von 11,4 Mrd. $ Schulden zusammen.

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