Wie weiter mit der Armee
Schafft die Wehrpflicht ab

Die Bundesregierung will das Afghanistan-Mandat ausweiten und weitere 1000 Soldaten an den Hindukusch schicken. Der Einsatz geht ins siebte Jahr, und ein Ende ist nicht abzusehen.
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Wenn es aber Normalität wird, dass unsere Tornados überm Hindukusch fliegen, die Marine vor Beirut schippert und das Heer auf dem Balkan steht, dann wird es dringend Zeit für die Berufsarmee. Wir haben uns für eine Söldnertruppenpolitik entschieden, dann sollten wir uns auch eine Söldnertruppe zulegen.

Mit der Flickschusterei einer Waffenstreichung hier, Truppenzusammenlegungen da und tropischen Sondertruppen dort kann es nicht ernsthaft weitergehen. Die Wehrpflicht - zumal sie in Praxis vor Ungerechtigkeiten nur so strotzt - gehört ins Einmachglas der Geschichte, das "Dienen" sollte durch das "Leisten" ersetzt werden.

Als Profitruppe würde sich die Bundeswehr - ein praktischer Nebeneffekt - endlich auch den Effizienzregeln einer arbeitsteiligen Gesellschaft unterstellen. Nicht nur Amerika und Großbritannien machen das schon lange so; in den vergangenen Jahren haben sich fast alle westlichen Staaten von der Wehrpflicht verabschiedet. Sogar das etatistische Frankreich und das militärdiktatorisch vernarbte Spanien. Immer weniger Staaten wollen massenweise ihre Kräfte in Zwangsarmeediensten verschleudern und entscheiden sich für die Option der professionalisierten Vernunft.

Wir dagegen leisten uns - neben aller Krisenintervention - immer noch Zeit totschlagende Wehrpflichtigentruppen aus Informatikstudenten, Banklehrlingen und Zahnlaboranten. Dabei bräuchte es eine schlagkräftige, flexible Profitruppe mit Motivation und Expertise. Die rasante technische Entwicklung, und das Ende des territorialen Prinzips sprechen für eine Armee aus qualifizierten Sicherheitsexperten und gegen die nette Heerschar aus Schützengrabenjungs von nebenan.

Die allgemeine Wehrpflicht und das Konzept des Bürgers in Uniform entstammt einer weltanschaulichen Vorratskammer aus preußischer Tugend ("Die Armee ist Teil unseres Volkes, und nicht der schlechteste"), den landesverteidigerischen Zwängen des Kalten Krieges und der frühbundesrepublikanischen Sehnsucht nach Überwindung des Militarismus durch die Vergesellschaftung des Militärs.

All dies ist heute hinfällig. Der Kalte Krieg ist nachhaltig gewonnen, die Armee als disziplinierende Schule der Nation wird - wenn sie je Sinn gemacht hat - bei verkürzten Dienstzeiten und zufälliger Einzugspraxis zur Farce. Und die Sorge vor dem militärischen Staat im Staate treibt wohl niemanden mehr ernsthaft um. Unsere politische Kultur ist reif genug, sich neben einer Profi-Polizei endlich auch eine Profi-Armee zuzulegen.

Mit dem Wie entschiede sich auch das Wozu der Armee. Aus der Territorialarmee würde eine Kriseninterventionstruppe. Heute stehen keine Panzerdivisionen der Roten Armee mehr in Stellung gegen uns, wir sind gottlob umgeben von Freunden. Wohl aber gibt es Terrorismus, Fundamentalismen und Regionalkonflikte mit Fernwirkungen von Atomwaffenschmuggel bis Migration - Risiken, die allesamt transnational wirken, also auch in internationalen Bündnissen bekämpft werden müssen.

Das Militär kann in dieser Welt nicht mehr als Selbstvergewisserungsorgan der Nation dienen. Es wird zum Leidwesen mancher alter Generale auch die verloren gegangene Geborgenheit einer klaren Weltordnung nicht mehr wiederherstellen können. Gerade, weil die Armee zu den Mythen der europäischen Nationalstaatsbildung gehört, eben dieser Mythos in einer diffusen Welt der Internationalisierung seinen Bezugsrahmen verliert, steht dem Militär eine doppelte Revision ins Haus.

Die künftige Armee dürfte nicht nur jenseits der Wehrpflicht, sondern auch jenseits des engen Nationengefüges organisiert werden. Uns steht im besten Fall eine europäische Profi-Einsatztruppe ins Haus. Und wir täten gut daran, diese rasch zu organisieren. Spätestens die Balkankriege haben das beschämende Defizit der sicherheitspolitischen Handlungsfähigkeit Europas bloßgestellt. Wir leben immer noch in der geborgten Sicherheit einer Pax Americana. Ob wir uns darauf wirklich noch lange verlassen sollten?

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer
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