Wiebes Weitwinkel
-

Jürgen Habermas ist ein Fall für die Feuilletons - und die haben seinen 80. Geburtstag bereits vorab ausgiebig gefeiert. Wie immer man die umfangreichen und schwierigen Theorien des deutschen Starphilosophen im Detail bewerten mag, in einem Punkt dürften sich die Kritiker einig sein: Dieser Mann glaubt noch an die Vernunft.

Jürgen Habermas vertraut auf die Kraft der Argumente, er gibt dem freien Gespräch eine Chance, stellt sich in die Tradition der Aufklärer seit Immanuel Kant. Schlagworte wie "kommunikatives Handeln" oder "Diskursethik" sowie "deliberative" - also diskutierende - Demokratie sprechen für sich; mit einem Hauch Ironie könnte man darin die Überhöhung der deutschen Leidenschaft für runde Tische sehen.

Man mag einwenden, dass Philosophen an die Vernunft glauben müssen, schließlich ist sie ihr Metier. Aber kaum einer von ihnen hat damit so die Öffentlichkeit erreicht wie Habermas; außerdem gibt es auch Philosophen, die der Vernunft, und damit dem eigenen Denken, misstrauen.

Was hat das alles mit Finanzthemen zu tun? Nun, die Vorstellung, das häufig irrationale Geschehen an den Kapitalmärkten gehorche einer Art höheren Vernunft, die am Ende alles zum Guten wendet, hat im Lauf der Finanzkrise erheblich gelitten. Auftrieb gewonnen hat dagegen die Vorstellung, die Politik müsse aktiv eingreifen und den "verrückten" Märkten und den "gierigen" Managern wieder mehr Vernunft einbläuen. Weitgehend hinweggeschwemmt hat die Krise aber auch die Form von Vernunft, die man als "Ordnungspolitik" bezeichnet. Wer rettet, hält sich nicht mit Grundsätzen auf - und so ist die Politik selbst in Gefahr, gleich wieder neue Unvernunft in die Welt zu setzen.

Zyniker werden sagen: So ist der Lauf der Welt. Es kommt nur darauf an, rechtzeitig wieder in die richtigen Märkte einzusteigen. Das ist auch eine Art von Vernunft, aber nicht das, was Habermas und andere, die mehr im Sinn haben als nur den eigenen Geldbeutel, meinen. Wir sollten trotz allem - wie Habermas - der Vernunft vertrauen. Es hilft nichts: Man muss die Krise geduldig analysieren, ohne sich auf oberflächliche Erklärungen einzulassen. Dabei stehen wir erst am Anfang. Und bei der Regulierung der Finanzmärkte gilt es, auch nach Abflauen der Finanzkrise die Regeln immer wieder zu überprüfen und zu verbessern - nach harten Diskussionen, nicht nach harter Lobbyarbeit.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%