Wiebes Weitwinkel
Branche im Dauerstress

Schon seit Jahren zieht sich die Diskussion über die Veränderung der privaten Krankenversicherung – ohne durchschlagenden Erfolg. Auch die große Gesundsheitsreform von Union und SPD scheint in dieser Hinsicht keinen Schritt nach vorn zu machen. Doch ist das überhaupt von der Politik beabsichtigt?

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in der Autoindustrie. Jeden Tag gibt es neue politische Überlegungen für Ihre Branche. Der eine oder andere möchte das Autofahren ganz abschaffen – wäre ja auch umweltfreundlicher, wenn alle Leute auf den öffentlichen Verkehr umstiegen. Es gibt aber auch ganz moderate Vorschläge, zum Beispiel, nur die PS-Zahl der Autos zu begrenzen. Viele Konzepte laufen darauf hinaus, den deutschen Autofahrern ein einziges Standardmodell anzubieten – allerdings mit unterschiedlichem Design. Ein weiterer Vorschlag lautet, die Autoindustrie zu verstaatlichen und privaten Unternehmen die Produktion des Zubehörs zu überlassen.

Absurde Vorschläge? So ähnlich läuft seit Monaten – eigentlich schon seit Jahren – die Diskussion über die private Krankenversicherung: der Zwang zu Standardtarifen, die Beschränkung der Privaten auf Zusatzangebote – das sind nur zwei Stichworte dazu. Freilich darf man die Analogie nicht zu weit treiben: Der Gesundheitsmarkt hat eine ganz andere Struktur als der Automarkt. Außerdem gibt es noch nicht einmal in Deutschland ein Grundrecht aufs Autofahren – aber zum Glück den Konsens, dass Medizin für jeden bezahlbar bleiben muss.

Die privaten Krankenversicherer sind inzwischen relativ abgebrüht. Der Chef der Debeka, Uwe Laue, verriet mir schon vor Jahren, dass er lieber erst dann neue Konzepte entwickele, wenn die Politik tatsächlich Beschlüsse gefasst habe – es ändere sich einfach zu viel in zu kurzer Zeit. Ich habe vor ein paar Monate in dieser Kolumne die These gewagt, dass die privaten Anbieter relativ ungeschoren wegkommen würden, weil die große Koalition nicht die Kraft zu einer großen Gesundheitsreform habe. Zwischenzeitlich sah es dann doch so aus, als müsse sich die Branche auf tief greifende Veränderungen einstellen. Das Problem dabei: Eigentlich interessiert die Politiker die private Krankenversicherung nur am Rande – im Kern der Gesundheitsreform geht es um andere Fragen, außerdem ist jeder Koalitionspartner damit beschäftigt, möglichst viel von seinen ursprünglichen Plänen zu retten.

Und nun? Alles ist wieder offen. Hin und wieder fragt man sich sogar, was früher beendet ist – die große Koalition oder die große Gesundheitsreform.

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