Wiebes Weitwinkel
Das Märchen von der Gier

Was waren die Ursachen der Finanzkrise? Dazu gibt es jetzt eine populäre Standarderklärung: Schuld war die „Gier“ einiger „verrückt gewordener“ oder „unverantwortlicher“ Manager, die das Finanzsystem an die Wand gefahren haben. Um zu verhindern, dass sich das wiederholt, müssen wir den Jungs auf die Finger klopfen und ihnen Recht und Anstand beibringen. Aber die Erklärung hinkt.

Ich glaube auch, dass die Finanzkrise eine moralische Seite hat, und dass die Bankmanager sich dieser Seite des Problems stellen müssen. Trotzdem: Die simple Erklärung mit der Gier ist ein Märchen. Und dieses Märchen wird nicht wahrer dadurch, dass es allen politischen Lagern gut ins Weltbild passt.

Von links besehen erlaubt das Märchen von der Gier, auf die Lieblingsfeinde, die "Finanzkapitalisten", zu schimpfen. Speziell aus christlich-linker Sicht passt es zudem sehr gut zu der Sichtweise, dass wir nach falschen Wertvorstellungen leben und nur eine bessere Moral uns retten kann. Aber von rechts funktioniert das Märchen auch. Es lässt nämlich den Glauben intakt, dass die Märkte "eigentlich" perfekt sind und nur durch ein paar "schwarze Schafe" oder institutionelle Schwächen (die man dem Staat in die Schuhe schieben kann) aus der Kontrolle geraten sind. Daraus lässt sich nahtlos die Forderung ableiten, wegen dieser paar "schwarzen Schafe" nicht zu übersehen, dass die meisten Manager doch verantwortlich handeln, und man sie deswegen seitens der Politik tunlichst in Ruhe lassen sollte.

Märchen sind meist simpel, manchmal schön, aber als Erklärungen zu bequem. Die Realität ist dagegen kompliziert und unbequem. Das kapitalistische System ist, seit es existiert, immer wieder aus den Fugen geraten, nicht nur heute und in der Krise der 30er-Jahre. Das lag nicht an der Gier, denn die verändert sich nicht zyklisch, sondern ist eher eine Konstante. Es liegt daran, dass Märkte keine perfekten Mechanismen sind, sondern labile Institutionen, die man immer wieder analysieren, schützen oder auch liberalisieren, auf bessere institutionelle Grundlagen stellen oder ganz neu schaffen muss, ohne dass es dafür Patentrezepte gäbe. Je besser das gelingt, desto seltener und harmloser sind die Krisen.

Die Wirtschaftshistoriker haben dazu wahrscheinlich mehr zu sagen als die Ökonomen. Denn deren Modelle funktionieren ja meist nur so lange, wie die Märkte funktionieren.

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