Wiebes Weitwinkel
Der Scheich trinkt Tee

Die Ölpreisentwicklung lässt viele Marktteilnehmer ratlos - selbst Experten. Auch ist unklar, ob die weltweite Ölproduktion tatsächlich schon ihren Höhepunkt überschritten hat. Welche Lehren sind aus der jüngsten Entwicklung zu ziehen?

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Ölscheich. Was hätten Sie dann im Laufe dieses Jahres dazugelernt? Eine ganze Menge. Zum Beispiel, dass ein Ölpreis von 140 Dollar je Fass zwar viele Leute ins Stöhnen, aber die Weltwirtschaft keineswegs zum Stillstand bringt. Oder dass in wenigen Monaten die Vorräte, die noch unter der Erde liegen, gigantisch an Wert gewinnen können. Und dann haben Sie auch noch die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass man überschüssiges Geld zurzeit nirgendwo vernünftig anlegen kann. Vielleicht haben Sie auch beobachtet, dass die großen Industriestaaten zwar pausenlos über Elektroautos, alternative Energien und die Wiederbelebung der Kernkraft reden, aber letztlich noch Jahrzehnte davon entfernt sind, sich wirklich von ihrer traditionellen Energiebasis zu lösen.

In den letzten Monaten sind die Experten, die den Ölpreis erklären wollten, vor allem durch ihre Ratlosigkeit aufgefallen. Es gibt keinerlei Konsens darüber, ob die Spekulation einen nennenswerten Einfluss hat oder nicht. Außerdem ist völlig unklar, ob die weltweite Ölproduktion tatsächlich schon ihren historischen Höhepunkt überschritten hat.

Möglicherweise spielt auch eine Rolle, dass der Markt untypisch reagiert. Normalerweise weiten die Produzenten ihr Angebot aus, wenn die Preise steigen, um mehr Geld zu verdienen. Das ist aber nur kurzfristig besehen rational. Rechnet man die langfristige Wertsteigerung der Vorräte im Boden mit, sieht die Rechnung ganz anders aus. Denken Sie an den Ölscheich: Der weiß jetzt, dass er in den vergangenen Jahren, als die Preise niedrig waren, viel Geld verschenkt hat. Wenn zu erwarten ist, dass die natürlichen Vorräte knapp werden, dann könnte es die rationale Strategie sein, abzuwarten und Tee zu trinken, bis die schwarzen Schätze noch wertvoller werden.

Dazu passt, dass die Staaten ihren Einfluss ausgedehnt und den der großen Ölkonzerne zurückgedrängt haben. Staaten sind schlechter als Konzerne darin, kurzfristig die Produktion auszudehnen. Aber Staaten können es sich eher leisten, in Zeiträumen von Jahrzehnten zu denken. Sie müssen keinen Quartalsbericht vorlegen und keine Dividende ausschütten und wissen ohnehin kaum noch, wie sie ihre Petrodollars investieren sollen.

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