Wiebes Weitwinkel
Die Debatte, die fehlt

Es zeigt sich heute, dass die Globalisierungsdebatte der letzten Jahre nicht sinnvoll war: Nicht die Stärke neuer Konkurrenten in Asien oder Osteuropa ist unser Problem, sondern die Schwäche unserer Kunden. Das wird jetzt in der Krise um so deutlicher.

Was haben brave deutsche Landesbanken in fernen Ländern, zum Beispiel in Island oder in Osteuropa, zu suchen? Warum vergeben sie Kredite im Ausland, wo sie sich nicht auskennen, statt sich auf den deutschen Markt zu konzentrieren?

Die Fragen sind berechtigt, und doch greifen sie zu kurz. Denn deutsche Kredite an ausländische Adressen sind auch ein Spiegelbild der deutschen Exportstärke. Wer mehr kauft als verkauft, macht Schulden (zum Beispiel Island), wer mehr verkauft als kauft (also Deutschland), wird Investor oder Kreditgeber im Ausland.

Das Beispiel zeigt, wie weit die Konsequenzen des deutschen "Geschäftsmodells" als "Exportweltmeister" reichen. Und doch fehlt, gespenstisch genug, eine öffentliche Debatte darüber, ob dieses Modell nicht viel zu einseitig ist. Ob wir nicht eher eine ausgeglichene Leistungsbilanz statt hoher Überschüsse anstreben sollten.

Die Krise zeigt die Probleme des Modells. Spiegelbildlich zu unserer Exportstärke sind andere Länder, zum Beispiel im Süden und Osten Europas, schwach. So gehen unsere wichtigsten Kunden in die Knie, was auf unsere Exportwirtschaft zurückschlägt. Überspitzt könnte man das mit einem Buchtitel von Hemingway beschreiben: "Der Sieger geht leer aus." Trotzdem warten zurzeit alle nur darauf, dass der Export irgendwie wieder anspringt, ohne sich Gedanken über diese Ungleichgewichte zu machen.

Es zeigt sich heute auch, dass die Globalisierungsdebatte der letzten Jahre weitgehend Unsinn war: Nicht die Stärke neuer Konkurrenten in Asien oder Osteuropa ist unser Problem, sondern die Schwäche unserer Kunden.

Wer eine Gewichtsverlagerung vom Export auf die Binnenkonjunktur anstrebt, muss freilich unbequeme Fragen stellen. Zum Beispiel: Haben wir genug getan, damit der Boom der letzten Jahre im Geldbeutel der deutschen Verbraucher spürbar wird? Können wir Bereiche, in denen echte Nachfrage besteht, aus der Unterfinanzierung (Bildung) oder dem Schwarzmarkt (große Bereiche der Betreuung und Pflege) lösen? Passt eine "nationale" Wirtschafts- und Finanzpolitik mit einer europäischen Währung zusammen? Die Debatte, das zeigen diese Fragen, ist schwierig. Sie wird aber nicht einfacher dadurch, dass man sie gar nicht erst führt.

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