Wiebes Weitwinkel
Die Stunde der Analysten

Bilanzen lesen und daraus Schlüsse ziehen ist keine einfach Angelegenheit. Aber in diesen Wochen ist sie zumindest bei Bankbilanzen noch schwieriger als je zuvor. Denn es kommt jetzt weniger darauf an, welche Zahlen die Banken veröffentlichen. Viel spannender ist die Frage, wie diese Zahlen zustande gekommen sind.

Hat die Bank zweifelhafte Wertpapiere, deren Markt durch die Subprime-Krise zusammengebrochen oder erheblich ausgetrocknet ist, in der Bilanz? Wenn ja, in welchem Umfang? Und wie hat sie diese Papiere bewertet? Hat sie sie auf Marktwert - also im schlimmsten Fall bis auf Null - abgeschrieben? Oder nach einem undurchsichtigen "Mark-to-Model"-Verfahren, bei dem man je nach unterstelltem Rechenzins und vermuteten Zahlungszeitpunkten oder befürchteten Ausfällen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann. Mehr als sonst müssen die Analysten - aber auch die Journalisten - daher die Zahlen prüfen und vor allem, wenn es keine klaren Angaben gibt, unbarmherzig nachbohren.

Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, hat gefordert, dass alle die Karten auf den Tisch legen und möglichst weitgehend abschreiben. Nur so, argumentiert er, könne das Vertrauen in die Banken wieder hergestellt werden. Die Frage ist aber, wie viele Banken sich an seine Forderungen halten. Die Antwort liegt nahe: Alle, die es sich leisten können, ohne zu schlechte Zahlen veröffentlichen zu müssen.

Es kann also passieren, dass Banken, die einen deutlichen Gewinneinbruch veröffentlichen, eigentlich gut dastehen. Und andere, an denen die Krise scheinbar abgeperlt ist, in Wirklichkeit einfach noch nicht die Hosen heruntergelassen haben. Fall eins von Fall zwei zu unterscheiden - diese Aufgabe stellt sich den Analysten jetzt, die ja selber in Banken arbeiten und sich daher im Hinterkopf auch Gedanken machen dürften, wie es denn ihr eigener Arbeitgeber mit der Transparenz hält. Doch wenn das Bild, das die Banken mit ihren Zahlen entwerfen, zu verworren bleibt, wird das die Vertrauenskrise noch verstärken.

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