Wiebes Weitwinkel
Die Stunde der Anwälte

Das Beispiel der Göttinger Gruppe zeigt ein bekanntes Muster: Wenn eine dubiose Anlagegesellschaft über die Wupper geht, bricht die Stunde der Anwälte an. Dann melden sich Vertreter der Zunft in der Öffentlichkeit und laden zu Veranstaltungen ein oder rufen zur Gründung von Interessengemeinschaften auf. Für die gebeutelten Anleger stellt sich die Frage: Lohnt es sich, dem verlorenen Geld nachzulaufen?

Grundsätzlich gibt es für Anlegeranwälte zwei Strategien. Nummer eins: Man macht nicht viel Wind und versucht, für seine Mandanten noch irgendetwas herauszuholen, solange überhaupt noch Geld da ist. Das hat den Vorteil, dass es vielleicht noch eine Erfolgschance gibt und den Nachteil, dass man so nicht an eine große Zahl von Mandanten kommt. Die andere Möglichkeit: Der Anwalt trommelt in der Öffentlichkeit. Dann hat er die Chance, viele Mandanten zu bekommen. Aber je größer der Andrang, desto weniger ist für den Einzelnen zu holen.

Trommeln hat daher wohl nur dann Sinn, wenn man zum Beispiel versuchen will, öffentlichen Druck auf Banken auszuüben, die ein dubioses Beteiligungsmodell verkauft oder finanziert haben – häufig auch beides. Bei der Göttinger Gruppe, die ihre tollen „Renten“, für die es von Anfang an kein tragfähiges Konzept gab, selbst verkauft hat, bieten sich hier aber keine Ansatzpunkte.

Bei Zusammebrüchen von Anlagegesellschaften – oder direktem Anlagebetrug – würde sich häufig anbieten, dass die Anwälte mit einem Erfolgshonorar bezahlt werden. Das hieße: Kein Honorar, wenn für den Mandant doch nichts mehr zu holen war, dafür ein höheres Honorar, wenn der Anwalt Erfolg hat. Solche Gebührenmodelle können auch zu Auswüchsen führen, die sich in den USA beobachten lassen. Dort bauschen Anwälte mitunter Forderungen ihrer Mandanten auf und schneiden sich dabei selber eine dicke Quote ab. Aber sie verhindern zumindest, dass geprellte Anleger de facto noch einmal über den Tisch gezogen werden, indem man ihnen ein Verfahren aufdrängt, obwohl gar kein Geld mehr zu holen ist.

In Deutschland sind Erfolgshonorare bisher verboten. Das Bundesverfassungsgericht hat neulich in einem Urteil verlangt, dass von dieser Regel zumindest Ausnahmen möglich sein sollten. Nun – Anlagebetrug wäre vielleicht so eine Ausnahme.

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