Wiebes Weitwinkel
Die Tugend des Bankers

Welche Tugenden sollte ein guter Banker besitzen? Er sollte vorsichtig, seriös, verschwiegen, kultiviert, zurückhaltend und er sollte sehr gute Nerven haben. Alle diese Tugenden haben nur wenig mit Moral zu tun. Gehört Gier zur Tugend des Bankers?

Tugend - das klingt altmodisch und zudem moralisch. Das berühmte Wörterbuch der Gebrüder Grimm leitet es von "taugen" und "tüchtig sein" ab. Und zieht eine Parallele zum antiken Begriff der Tugend, der aber wenig mit brav und tugendhaft sein zu tun hatte. "Tugendhaft" waren in alter Zeit die Helden, die Starken, nicht die Moralapostel. Und noch Macchiavelli preist die "Virtù", die Tugend Cesare Borgias, der ein blutrünstiger Tyrann war - aber auch clever und durchsetzungsstark, wie es sich für einen Renaissance-Fürsten gehörte.

Fragen wir also - gar nicht moralisch, aber sehr altmodisch: Welche Tugenden sollte ein guter Banker besitzen? Er sollte vorsichtig sein, schließlich verwaltet er das Geld anderer Leute. Er sollte seriös und Vertrauen erweckend sein. Er sollte verschwiegen sein - jedenfalls nicht über seine Kunden reden. Er sollte kultiviert sein, auch das schafft Vertrauen. Er sollte im besten Sinne konservativ sein - also Wert erhaltend. Er sollte zurückhaltend sein, um nicht den Neid oder die Kritik seiner eigenen Kunden auf sich zu ziehen. Und er sollte sehr gute Nerven haben und niemals die Haltung verlieren, wenn es zu einer Krise kommt.

Alle diese Tugenden haben, wie das antike Vorbild, nur wenig mit Moral zu tun. Vielmehr damit, welche Eigenschaft eine Person haben muss, um erfolgreich zu sein. Denn auch darauf weist das Grimm?sche Wörterbuch hin: Tugenden sind eine Eigenschaft der Person, man kann sie sich nicht nach Belieben aneignen.

Gehört Gier zur Tugend des Bankers? Sicher nicht. Eher die Fähigkeit, sie unter einem Schleier von Kultur so zu verbergen, dass sie erträglich wird. Oder die Vorsicht, im Zweifel nein zu sagen und damit die Bank zu retten. Gehört zur Tugend des Bankers, eine Spielernatur zu sein? Auch hier gilt: nur so weit, dass es nicht unangenehm auffällt.

Wir leben heute nicht mehr in der Welt der alten Bankiers, die einen großbürgerlichen Stil gepflegt und ihr Leben damit verbracht haben, Fürsten und oder reichen Kaufleuten hinterherzulaufen, um mit ihnen Geschäfte zu machen. Aber ein bisschen Tugend können auch heutige Banker gebrauchen. Ganz altmodisch, gar nicht moralisch gemeint, eher als Voraussetzung für einen langfristigen Erfolg.

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