Wiebes Weitwinkel
Ein Lob für graue Mäuse

Bei Banken gibt es seit jeher einen Konflikt zwischen den Mitarbeitern, die das Geschäft machen, und den Risikoleuten - wie etwa den Kreditsachbearbeitern. Im Zuge der Finanzkrise hat sich das Machtverhältnis zwischen diesen beiden Gruppen extrem verschoben.

Jetzt ist die Stunde der grauen Mäuse. Der Leute, die die Kunst beherrschen, beharrlich mit dem Kopf zu schütteln. Derjenigen, die durch noch so verführerische Gewinnchancen nicht zu beeindrucken sind. Die auch den Stars, die das große Geld bringen, kühl die Stirn bieten.

Wer je in einer Bank gearbeitet hat, kennt den Konflikt zwischen den Leuten, die das Geschäft machen und denjenigen, die das Geschäft verhindern. Da kann es ziemlich laut werden am Telefon. "Engstirnig, bürokratenmäßig, keine Ahnung vom Geschäft", diese Vorwürfe müssen sich die Neinsager anhören - ob es sich um traditionelle "Kreditsachbearbeiter" oder "Chief Risk Officers" handelt. Die Starhändler oder-verkäufer nehmen in guten Zeiten ein "Nein" selten wörtlich. Sondern als Aufforderung, den Kollegen irgendwie, im Zweifel auf dem Umweg über die höhere Hierarchieebene, zu umgehen, um das Geschäft doch noch zu machen. Die Neinsager, die grauen Mäuse, haben es in der Regel schwer: Sie fallen nur auf, wenn etwas schief läuft. Ihr Beitrag dazu, dass es gut läuft, gilt als selbstverständlich.

Zurzeit, wie gesagt, ist das anders. Wenn die Angst regiert, haben die Risikoleute das Sagen. Wenn die Finanzaufsicht genau hinschaut, sind die Vorstände wichtig, die traditionell den besten Draht zur Aufsicht haben - und das sind die Risikoleute. Wenn die Kapitalmärkte an den Banken zweifeln, bisweilen auch verzweifeln, dann ist die Glaubwürdigkeit der Kapitalausstattung wichtiger als das Renditeziel vor oder nach Steuern.

Die spannende Frage ist, wie es nach dem Abflauen der Finanzkrise weitergeht. Schleicht sich dann wieder die alte Sorglosigkeit ein? Bekommen die Stars wieder so viel Oberwasser, dass sie unverantwortliche Risiken eingehen können? Aber auch das Gegenteil wäre fatal: Wenn die Krise eine Kultur der Überängstlichkeit hinterlässt, eine Fixierung auf Probleme der Vergangenheit. Was jetzt nottut, ist der Aufbau einer echten Risikokultur, in der Ja- und Nein-Sager eng zusammenarbeiten, ohne ihre Rollen verwischen zu lassen. Wo auch die Vergütungssysteme so gestrickt sind, dass der Gesamterfolg ausschlaggebend ist - für die grauen Mäuse und diejenigen, die sie beaufsichtigen. Der Aufbau dieser Risikokultur muss schon jetzt, mitten in der Krise, beginnen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%