WIEBES WEITWINKEL
Eine Art Sterndeutung

Im Zuge der Finanzkrise sind die internationalen Großbanken ins Grübeln gekommen: War das wirklich so eine gute Idee mit der modernen Bilanzierung, die sich sehr stark auf Marktwerte stützt? Solange die Märkte gut liefen, war das schön für die Bilanzen. Schlechte Märkte liefern hässliche Bilanzen.

Mehr und mehr kommen aber auch die Versicherer ins Grübeln. Sie stecken mitten in dem Prozess der Umstellung von einer konservativen auf eine moderne Bilanzierung. Und in dieser Branche ist der Unterschied zwischen beiden Sichtweisen so extrem groß wie nirgendwo sonst.

Betrachten wir es einmal holzschnittartig, um den Vergleich deutlicher zu machen. Konservativ gerechnet nimmt ein Versicherer pro Jahr Prämien ein und erwirtschaftet Geld mit Kapitalanlagen. Davon werden der Aufwand für Versicherungsschäden und die Kosten abgezogen - übrig bleibt der Gewinn. Diese Betrachtung ist extrem auf die Vergangenheit bezogen. Die Prämien rühren zum Teil aus Verträgen her, die vor Jahrzehnten geschlossen wurden. Dagegen gehen neue Verträge zunächst mit den Kosten für die Vertreterprovisionen, aber noch nicht mit Erträgen in die Rechnung ein. So gerechnet haben stark wachsende Lebensversicherer daher oft nur schwache Gewinne ausgewiesen.

Die moderne Bilanzierung dreht alles um. Weil die Versicherer zum Teil sehr langfristiges Geschäft machen, schaut diese Bilanzierung extrem weit in die Zukunft. Im Prinzip wird bei jedem neuen Vertrag der "embedded value" errechnet: Wie viele Prämien wird er voraussichtlich einspielen, welche Kapitalerträge lassen sich mit der Anlage des Kundengelds erzielen, welche Schäden sind zu erwarten? Und all das muss dann noch mit einem bestimmten Zinssatz auf den heutigen Kapitalwert umgerechnet werden. Überspitzt gesagt: Die Versicherer stellen um von einer Art Cash-Flow-Rechnung, die fast nichts über den Erfolg aussagt, auf eine reine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die kaum sichere Daten enthält - eine Art Sterndeutung.

Meine Prognose: In der Praxis wird man beide Rechnungen aufmachen, wenn man ein Unternehmen beurteilen will, also die tatsächlichen und die geschätzten Zahlungsströme anschauen. Das folgt allein schon aus dem allgemeinen Gesetz, dass sowieso alles immer komplizierter wird.

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