Wiebes Weitwinkel
Es dämmern die Götter

In Deutschlands Politik und Wirtschaft läuft langst nicht alles rund, in vielen Belangen ist Selbstkritik angemessen. Doch es ist nicht alles so schlecht, wie es geredet wird. In Sachen Globalisierung macht es Deutschland genau richtig.

Kein Wunder, dass das deutsche Wort „Götterdämmerung“ – im Englischen als „Gotterdammerung“ – international bekannt ist. Nicht nur, weil so eine berühmte Wagner-Oper heißt – es benennt so hübsch die deutsche Lust am Untergang. Einmal haben wir sie in der Geschichte blutig zelebriert, und noch immer steckt sie in den Köpfen. Deutschland ist überall „Schlusslicht“ oder „hinkt hinterher“, „verpasst den Anschluss“, „steigt ab“ – und die Bezeichnung „typisch deutsch“ ist in Deutschland eindeutig eine Beschimpfung. Eine gängige Variante ist dabei inzwischen, die Globalisierung, vor allem den Aufstieg Chinas und Indiens, als Hintergrundmusik für den deutschen Trauermarsch zu spielen.

Zum Teil ist die Selbstkritik ja berechtigt. Unser Bildungssystem ist veraltet, unsere Banken haben den Einstieg in die Wachstumsmärkte Osteuropas verpasst, unser Sozialsystem ist zu teuer. Die Politik lebt auf Pump – allerdings nur die Politik, nicht die ganze Gesellschaft.

Schnell wird dabei eine beständige, sehr freundliche Melodie überhört: Deutschland ist Exportweltmeister. Das ist bekannt. Aber die Exporte wachsen noch weiter, wie vor kurzem die Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelstages ergeben hat. Dazu kommt: Die deutschen Unternehmen haben, durch drastische Sparmaßnahmen und durch die allgemein niedrige Inflation bei uns, ihre Position gegenüber Konkurrenten anderer Länder noch deutlich verbessert. Und der entscheidende Punkt: Deutschland exportiert besonders viel in Schwellenländer. Vereinfacht gesagt: Die Amerikaner kaufen chinesische Ware. Wir auch. Aber wir verkaufen den Chinesen auch die Maschinen, mit denen sie die Ware produzieren.

Sagen wir daher ruhig ganz selbstbewusst: In puncto Globalisierung machen wir es genau richtig – und weit besser als die meisten anderen Länder. Da ist ein Fanfarenstoß erlaubt. Ausländische Investoren haben ihn längst vernommen – vor kurzem lobte sogar US-Milliardär Warren Buffett auf einer Reise nach Schwaben den deutschen Mittelstand.

Wagner hat auch die „Meistersinger“ geschrieben. Das ist ebenfalls eine sehr deutsche Oper, aber die heiteren Töne überwiegen. Und Beckmesser, der ewige Nörgler, ist am Ende der Verlierer.

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