Wiebes Weitwinkel
Finance-Fiction

Stanislaw Lem ist tot. Der Mann hat Science-Fiction zur großen Literatur gemacht. Er hat Sternentagebücher und Robotermärchen geschrieben. In seinen Büchern wimmelt es von seltsamen Planeten und Maschinenwesen.

Künstliche Intelligenzen und virtuelle Welten hat er vorausschauend beschrieben. Literarisch hat er ebenfalls, auf Augenhöhe mit Autoren wie dem Argentinier Jorge Luis Borges, eifrig experimentiert und Bücher mit fiktiven Rezensionen nicht existierender Werke geschrieben, eines davon unter dem zen-buddhistisch klingenden Titel „Die vollkommene Leere“.

Alle Lebensbereiche hat Lem sich vorgeknöpft. Nur die moderne Finanzwelt spielt in seinen Romanen kaum eine Rolle. Nicht verwunderlich – schließlich lebte er im lange Zeit kommunistischen Polen. Vielleicht waren ihm Banker und Versicherungsagenten auch einfach zu langweilig.

Aber wie stellen wir uns einen Lem für die Finanzwelt vor? Da wäre die Welt bevölkert von Leuten, die Tag und Nacht in Sekundenbruchteilen Milliarden an Devisen um den Globus schicken, ein Vielfaches des weltweiten Handelsvolumens. Die Wetten nicht nur auf Zinsen, Kurse und Ölpreise, sondern auch auf das Wetter in Kalifornien, die Dicke der Eisschollen in Grönland und die Überlebenschancen seltener Papageienarten abschließen. Die Strom, Kohlendioxid und Impfstoffe gegen Vogelgrippe wie Aktien und Schweinehälften handeln.

In dieser Welt kaufen und verkaufen Millionärssöhne den ganzen Tag lang Papiere im Sekundentakt und leben Unternehmen allein von dieser speziellen Klientel; heimlich spielen die Banker die Strategien ihrer Kunden nach.

Die Hauptfigur der Romanwelt wäre ein Vertreter, der Lebens- und Krankenversicherungsverträge nur nach vorherigem Gentest verkauft. Mit einer speziellen Majestix-Police kann man sich dagegen versichern lassen, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt. Selbst ein Schutz gegen den vollständigen Untergang der Erde, etwa durch einen Meteoriteneinschlag, ist im Programm, abgedeckt von der Münchener Rück mit einem interstellaren Katastrophenbond.

„Finance-Fiction“ ließe sich diese erfundene Finanzwelt taufen, in Anlehnung an Science- Fiction. Aber halt – ist sie nicht fast schon Realität?

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