Wiebes Weitwinkel
Freundlicher Falke

Jean-Claude Trichet durfte reichlich Ehrungen zum zehnjährigen Jahrestag der Europäischen Zentralbank entgegennehmen - er kann sich vor Zuspruch kaum retten. Sein US-Kollege Ben Bernanke erntet dagegen beißende Kritik und Spott.
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Trichet hat zweifellos große Verdienste erworben. Der EZB-Präsident wird zurzeit sogar von angelsächsischen Medien gerne gelobt, die dem Euro anfangs eher skeptisch gegenüberstanden. Historiker werden vielleicht als seine größte Leistung herausstellen, dass er vor der europäischen Währungsunion als Chef der französischen Notenbank den Franc auf stabilen Kurs brachte. Aber der heute beliebte Vergleich zwischen Bernanke und Trichet ist zu einem Teil auch unfair. Die Weltbörsen starren nun einmal auf die amerikanischen Leitzinsen und kümmern sich kaum um die europäischen. Die Verantwortung, mitten in der Finanzkrise nicht auch noch die Aktienbörsen abstürzen zu lassen, lag daher bei Bernanke. Deswegen war er gezwungen, die Zinsen zu senken. Und das hat nicht nur die amerikanische Börse gerettet, sondern auch die europäischen Märkte.

Die EZB wird viel dafür gelobt, dass sie - statt mit Zinssenkungen zu reagieren - auf anderen Wegen Liquidität zur Verfügung gestellt hat, wenn der Geldmarkt auszutrocknen drohte. Aber diese anderen Wege sind auch nicht gefahrlos. Wenn die Notenbank im großen Umfang dubiose Papiere als Sicherheiten für Kredite akzeptiert, heizt sie damit möglicherweise auch ein neues Spiel an: risikoreiche Papiere schaffen und bei der EZB in solides Geld tauschen. Auch so kann man Spekulationsblasen in die Welt setzen. Es gibt also keine Medizin ohne Nebenwirkungen; die EZB versucht immerhin, sie abzumildern.

Man kann Bernanke und noch mehr seinem Vorgänger Alan Greenspan zu Recht vorwerfen, dass sie den US-Immobilienmarkt mit billigem Geld aufgepumpt haben. Daher es ist ein gutes Zeichen, dass die Amerikaner in dem Punkt offenbar umdenken und sich möglicherweise künftig früher um Ungleichgewichte auf den Finanzmärkten kümmern. Hier hat die EZB wohl tatsächlich die bessere Philosophie. Aber auch in diesem Punkt ist zu beachten: Bernanke wacht über eine stark vom Konsum und von der Finanzbranche abhängige Ökonomie. Da ist es schwieriger als in Europa, den freundlichen Falken zu spielen.

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