Wiebes Weitwinkel
Geduldige Esel

Sind die internationalen Investoren plötzlich von der christlichen Liebe befallen worden? Das nun vielleicht nicht. Auffällig ist aber, dass sie zurzeit enorme Geduld zeigen, gerne ein freundliches Gesicht machen und bereit sind, vergangenes Unrecht zu verzeihen.

Sind die internationalen Investoren plötzlich von der christlichen Liebe befallen worden? Das nun vielleicht nicht. Auffällig ist aber, dass sie zurzeit enorme Geduld zeigen, gerne ein freundliches Gesicht machen und bereit sind, vergangenes Unrecht zu verzeihen.

Es gibt dafür mehrere Beispiele. Argentinien hat die Käufer seiner Anleihen vor den Kopf gestoßen und sich bis ins vergangene Jahr hinein hartnäckig geweigert, seine Schulden zu bezahlen. Trotzdem reißen die Anleger der Regierung heute neue Papiere aus der Hand.

Bleiben wir in Lateinamerika. Dort hat der neue Präsident Boliviens, Evo Morales, die Verstaatlichung der Rohstoffindustrie angekündigt und zur Bekräftigung sogar die Armee in Marsch gesetzt. Aber die großen ausländischen Konzerne ziehen nicht etwa ihr Kapital ab. Sie haben sich schnell mit der neuen Regierung arrangiert und zahlen jetzt deutlich höhere Abgaben als vorher – und sie bleiben im Land.

Deutschland ist zum Glück weder mit Argentinien noch mit Bolivien vergleichbar. Trotzdem fällt auf: Auch hier haben die angelsächsischen Investoren Kreide gefressen. Obwohl Deutschland mit seiner Mitbestimmung und seinem politischen Konsensmodell in den USA als abschreckendes Beispiel gilt, kommen die Investoren und legen Milliarden an. Dabei überschlagen sie sich vor Freundlichkeit gegenüber den Arbeitnehmern und geben bereitwillig kostspielige Garantien ab – wie jetzt bei der Übernahme der Linde-Gabelstapler.

Was ist passiert? Zum einen schauen Investoren grundsätzlich lieber nach vorn als zurück – daher sind sie schnell bereit zu verzeihen. Außerdem haben sie einfach zu viel Geld, und dafür suchen sie gerade auch „ineffiziente“ Märkte, in denen noch nicht alles ausgereizt ist. Letztlich rechnen sie ganz nüchtern, und wenn die Gewinnchancen hoch genug sind, investieren sie trotz störender Begleitumstände.

Diese Erkenntnis hat auch politische Bedeutung: Kapital ist nicht immer ein scheues Reh, sondern manchmal auch ein geduldiger Esel. Doch Vorsicht, nicht übertreiben: Esel sind kluge Tiere.

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