Wiebes Weitwinkel
Globale Ritterspiele

Für Wirtschaftsjournalisten sind die Zeiten herrlich. Ständig versucht irgendwer, irgend einen anderen zu übernehmen – das gibt jedesmal eine gute Schlagzeile. Da wird gekämpft, Hürden errichtet, mit Spielregeln getrickst, weiße Ritter herbeigewünscht – oder es tauchen fremde Prinzen aus Indien auf und mischen sich ein. Ein gutes Beispiel ist der Versuch von Eon, Endesa zu übernehmen.

Das Geschehen ähnelt dem, was manch einer aus alten Ritterromanen kennt. – oder unsere Kinder eher von Computerspielen wie „Siedler“ oder aus Filmen wie „Herr der Ringe“. Noch ist offen, ob Eon-Chef Wulf Bernotat bei seinem Kampf gegen spanische Windmühlen zum Ritter der traurigen Gestalt wird.

Worum geht es bei diesen mittlerweile globalen Ritterspielen? Zunächst einmal um Geld, das ist klar. Mindestens genauso wichtig aber ist die Eitelkeit und der Wille zur Macht. Und damit spätestens beginnen die Gefahren für Aktionäre: Wenn der persönliche Durchhaltewille des Topmanagers im Vordergrund steht, seine Furcht, das Gesicht (und damit vielleicht den Job) zu verlieren wichtiger ist als finanzielle Kalkulationen, wird es brenzlig.

Eines darf man dabei nicht vergessen: In früheren Zeiten wurden diese Eitelkeiten tatsächlich auf dem Schlachtfeld ausgetragen - und in manchen Gegenden der Welt ist es heute noch so. Da ist die heutige Form, sich als Alpha-Tier zu bewähren, doch ein echter Fortschritt.

Die virtuellen Schlachten der Unternehmen haben aber noch eine andere, tiefer liegende Bedeutung. Bei den alten Griechen galt der Spruch: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Das würde nach dem 20. Jahrhundert niemand mehr so behaupten. Aber es ist wahr, dass die Welt sich auch dadurch weiterentwickelt, dass alte Strukturen zerstört werden und Platz machen für neue. Wenn das heute in Form von globalen Übernahmekämpfen statt durch reale Kriege stattfindet, ist das ebenfalls ein echter Fortschritt.

Zugleich wächst so die Welt wirtschaftlich immer mehr zusammen. Auch das dient dazu, den Frieden erhalten. Einer meiner Professoren, der Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt, brachte das gerne so auf den Punkt: „Niemand schießt gerne auf sein eigenes Kapital.“

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