Wiebes Weitwinkel
Goldman über alles

Der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing, wird die Expertenkommission der Regierung zur Reform der internationalen Finanzmärkte leiten. Das eröffnet spannende Perspektiven.

Als ich vor sehr langer Zeit im Studium Geldtheorie gepaukt habe, gab es ein Lehrbuch eines Herrn Otmar Issing. Da waren die Zusammenhänge wunderbar erklärt, und seitdem weiß ich (oder glaube ich), dass man die Geldmenge immer hübsch knapp halten muss, damit es keine Inflation gibt. Diese Strategie hat Issing bei der Bundesbank selbst umgesetzt.

Als die Geldpolitik dann von der Bundesbank zur Europäischen Zentralbank wanderte, ging Issing mit. Er galt dort als Garant dafür, dass die Geldpolitik ihre Qualität "made in Germany" beibehält. Sein Ansehen wuchs. Als er vor gut zwei Jahren in Ruhestand ging, stand er kurz vor der Heiligsprechung.

Dann bekam der Goldgrund dieser Ikone plötzlich eine ganz neue Bedeutung: Issing heuerte bei Goldman Sachs an. Es gibt Leute, die sagen, dass man für so einen Beraterjob dort rund eine Million pro Jahr bekommt. Wäre ja nicht einmal üppig, gemessen an dem, was andere Leute bei der berühmtesten Investmentbank der Welt, die seit kurzem offiziell keine Investmentbank mehr ist, so verdienen.

Und jetzt wird Issing auch noch Chefexperte der Bundesregierung für die Reform der Finanzmärkte. Eine Sache, die wenig mit Geldpolitik zu tun hat. Wahrscheinlich hat Frau Merkel einfach nur einen bekannten Namen für die Öffentlichkeit gesucht. Damit setzt sich aber eine Geschichte fort, die in Amerika kein Geheimnis ist: Leute von Goldman Sachs landen häufig in hohen Ämtern. Am bekanntesten ist Hank Paulson, der Finanzminister. Wichtig ist auch Neel Kashkari, der Mann, der das Rettungspaket für die US-Banken umsetzt. Früher gab es auch schon Goldmänner in hohen Positionen, etwa Robert Rubin als Finanzminister von Bill Clinton.

Man sollte keine Verschwörungstheorien verbreiten. Die US-Goldmänner werden auch deswegen gerne in Regierungspositionen berufen, weil sie einfach gut sind. Aber von Nachteil ist es sicher nicht für die Bank, überall die Finger drin zu haben. In Deutschland hat sie die Finger jetzt auch drin - mit Issing. Und weil die Finanzkrise die Landesbanken in die Arme der Bundesregierung treibt, gibt es bald wahrscheinlich spannende Perspektiven in puncto Fusionberatung. Also gilt: Was gut ist für Deutschland, ist auch gut für Goldman Sachs.

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