Wiebes Weitwinkel
Ihr seid die Krise

Vor einigen Jahren fuhr ich auf der Autobahn durchs Ruhrgebiet. Vielmehr: Ich stand eher als zu fahren, weil die Straße verstopft war. In einiger Entfernung hing ein riesiges Transparent von einem alten Gasometer herunter. Darauf stand geschrieben: „Ihr steht nicht im Stau. Ihr seid der Stau!" Ein genialer Spruch. Er fällt mir immer wieder ein, wenn ich die gestörte Kommunikation zwischen Bankern und der Öffentlichkeit zum Thema „Finanzkrise“ verfolge.

Viele Banker sind ja heute durchaus bereit, Fehler einzugestehen. Aber meist sprechen sie dann nur von einzelnen Fehlern, die sie oder ihre Institute in einer bestimmten Situation leider gemacht haben. In Klammern oder auch nur in Gedanken fügen sie in der Regel hinzu: „Die anderen haben auch Fehler gemacht.“ Oder: „Die anderen haben sogar noch größere Fehler gemacht als wir.“

Die Öffentlichkeit kann mit Reue dieser Art aber nicht viel anfangen. Sie empfindet sie gar als unaufrichtig. Und damit wären wir beim Stau. Wer drin steckt, sieht sich als Opfer, nicht als Täter: „Ich stecke im Stau.“ Dieser verdammte Stau aber auch. Wer von der Ferne als Fußgänger und Radfahrer diese vollgestopfte Straße beobachtet, sieht die Autofahrer aber nicht als Opfer, sondern als Täter: „Diese Idioten, müssen die alle zur Hauptverkehrszeit hier herumstehen und die Luft verpesten?“ Die Autofahrer machen den Stau, sie sind der Stau.

Mit den Bankern ist das ähnlich. Die meisten von ihnen empfinden sich als Opfer der Krise. Plötzlich haben die Märkte nicht mehr funktioniert wie gewohnt. Plötzlich war das große Misstrauen da. Plötzlich sind schreckliche Dinge passiert, die niemand wollte: „Hilfe, wir stecken in der Krise!“

Die Öffentlichkeit aber sieht die Banker nicht als Opfer, sondern Täter. Denn wer sind denn die Akteure auf den Märkten, die plötzlich nicht mehr funktionieren? Wer hat die Entwicklungen falsch eingeschätzt? Wer hat die Strukturen geschaffen, die ins Chaos führten?

Deswegen sagt die Öffentlichkeit: „Ihr steckt nicht in der Krise, ihr seid die Krise!“ Und das, was sie erwartet, ist im Grunde genau dieses Schuldeingeständnis. Und nicht die Reue über einzelne Fehler. So wird die Finanzkrise auch zu einem Musterfall gestörter Kommunikation.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%