WIEBES WEITWINKEL
Im Chaos der Prognosen

Prognosen haben einen großen Vorteil: Wenn man eine Fehlentscheidung trifft und sich dabei auf eine Prognose berufen kann, die leider nicht eingetreten ist, dann ist man fein heraus. Und manchmal ist die Auswahl an Prognosen besonders groß.

Zurzeit fallen zwei Trends im Reich der Wahrsager auf. Erstens: Plötzlich schalten alle Ampeln von grün auf rot. Und zweitens: Irgendwie passen die Voraussagen noch weniger zusammen als sonst. Vielleicht ist es nicht schlechteste Haltung, sich von den Prognosen eine Weile nicht weiter beirren zu lassen.

Monatelang haben die Experten vermutet, dass Europa sich von den Problemen der USA kaum angesteckt wird. Plötzlich aber gilt diese These als überholt und der große Einbruch als unabwendbar. Inzwischen sehen manche Volkswirte für Europa sogar ein noch schwächeres Wachstum voraus als für die USA selbst, von denen die Probleme ja ausgehen.

Aber damit kommen wir zu Punkt zwei. In den USA scheinen ja völlig die Lampen auszugehen - die heutige Krise gilt als vergleichbar der großen Depression um 1930 herum. Das meint jedenfalls der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan, und er befindet sich dabei in Gesellschaft einer Menge von Volkswirten. Als Grund nennt er vor allem die immer weiter schrumpfenden Preise am US-Immobilienmarkt.

Aber wie passt diese düstere Sicht mit den Prognosen zusammen, nach denen die USA noch etwas mehr wachsen als Europa? Hier in Europa haben wir schließlich viel kleinere Probleme, die Immobilienmärkte schrumpfen in einzelnen Ländern wie Spanien und Großbritannien, aber nicht in der Breite wie in Amerika.

Offenbar ist die Spannbreite der Meinungen sehr weit: Die einen betonen, dass die US-Notenbank die Krise mit viel Geld ertränkt, während die Europäische Zentralbank dazu nicht bereit sei. Die anderen sehen fast den Zusammenbruch der US-Wirtschaft auf uns zukommen.

Wahrscheinlich haben beide Seiten unrecht. In ein paar Jahren werden wir feststellen, dass wir einen relativ normalen Abschwung in Europa und den USA hatten. Das Auf und Ab kehrt immer wieder - was wechselt, sind die Auslöser und die spezifischen Ängste und Prognosen, die es begleiten.

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