Wiebes Weitwinkel
Magie der Derivate

Die Erfahrung zeigt: Je näher einer am eigentlichen Geschäft ist, desto weniger rentiert es sich. Das abgeleitete Geschäft, das Derivat, bringt in der Regel mehr ein – das scheint eine eiserne Grundregel zu sein. Doch warum ist das so?

Beginnen wir wie in einem ökonomischen Lehrbuch mit einem Beispiel: Stellen Sie sich vor, da gibt es einen Schuhmacher. Der fertigt einen Schuh und verkauft ihn an einen Kunden. Das ist ein einfaches und ehrliches Geschäft.

Dann kommt ein Schuhhändler vorbei. Er kauft bei mehreren Schuhmachern die Schuhe auf und verkauft sie weiter an die Kunden. Und weil der Händler Geld braucht, geht er zum Bankier. Der leiht ihm Geld - das ist die Schuhhandelsfinanzierung.

Das einfache Geschäft ist der Schuhkauf des Kunden beim Schuhmacher. Der Kauf und Verkauf des Händlers, spätestens aber die Finanzierung – das sind abgeleitete Geschäfte; man könnte sie auf Latein auch „Derivate“ nennen.

Eine wichtige Frage: Wer verdient wohl das meiste Geld an den Schuhen - die Schuhmacher, die Händler oder die Bankiers? Die Erfahrung zeigt: Je näher einer am eigentlichen Geschäft ist, desto weniger rentiert es sich. Das abgeleitete Geschäft, das Derivat, bringt in der Regel mehr ein – das scheint eine eiserne Grundregel zu sein.

Warum das so ist? Vielleicht, weil mit jeder Ableitung die Geschäfte schwieriger werden. Vielleicht auch, weil der Händler mit dem Schuhmacher ein Handelsgeschäft macht – wovon der Händler mehr versteht als der Schuhmacher. Der Bankier wiederum macht mit dem Händler ein Bankgeschäft – und davon versteht er mehr als der Händler.

Handel und Kredite gibt es schon seit Jahrtausenden. Vergessen wir im Moment, dass Schuhe inzwischen maschinell hergestellt werden und schauen uns an, wie im Finanzbereich immer wieder neue, abgeleitete Geschäfte erfunden werden: Vor ein paar Jahrhunderten war es die Aktiengesellschaft, dann kamen Optionen, Kreditderivate und so weiter – in den letzten Jahren sind diese Märkte explodiert.

Spannend dabei: Die eiserne Grundregel, die sich schon beim Schuhmacher, Händler und Bankier zeigt, setzt sich offenbar fort: Mit jeder Ableitung wird alles komplizierter; zugleich steigt die Möglichkeit, Geld zu verdienen beinahe ins Grenzenlose.

Wozu dieses kleine Gedankenexperiment dient? Es soll einfach erklären, warum die Jungs bei den Hedge-Fonds und bei Investmentbanken wie Goldman Sachs so ein Schweinegeld verdienen.

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