Wiebes Weitwinkel
Mehr als nur Buchhalter

Früher brauchten Aufsichtsräte nur die Ergebnisse der Vorstandsetage abzunicken. Diese Zeit ist längst vorbei. Heute gibt es aktive Aktionäre, zum Beispiel Hedge-Fonds, die auch große Konzerne jederzeit angreifen können. Damit müssen auch Aufsichtsräte als Unternehmer denken – und Verantwortung übernehmen.

Vor rund 20 Jahren war ich bei einer großen Bank beschäftigt. Eine meiner Aufgaben war die „Mandatsbetreuung“. Das hieß: Vor der Aufsichtsratssitzung musste ich den Prüfungsbericht oder interne Unterlagen durchlesen und auf ein paar Seiten Stichpunkte für den jeweiligen Bankvorstand zusammenschreiben. Ein Vorstand sagte sogar: „Herr Wiebe, Sie müssen gar nichts schreiben, lesen Sie das mal durch und sagen mir Bescheid, wenn etwas Wichtiges drinsteht.“

So war das. Jeder Banker hatte viele Mandate. Man traf sich viermal im Jahr. Bezahlt wurde, im Vergleich zu heute, nur bescheiden, aber umgelegt auf den Arbeitsaufwand war der Stundenlohn des Mandatsträgers enorm. Wenn es tatsächlich, ausnahmsweise, mal etwas von Bedeutung zu besprechen gab, dann geschah das nach Möglichkeit nicht in der Sitzung, weil da ja die Arbeitnehmervertreter zuhören konnten.

So war das. Diese Zeit ist längst vorbei. Heute gibt es aktive Aktionäre, zum Beispiel Hedge-Fonds, die auch große Konzerne jederzeit angreifen können. Außer vielleicht General Electric in den USA ist kein noch so großer Konzern sicher vor feindlichen Übernahmeversuchen. Aufsichtsräte müssen als Unternehmer denken, es reicht nicht mehr, hinterher die Ergebnisse abzunicken. Entsprechend der Verantwortung sind auch die Vergütungen gestiegen. Wichtig auch: Zaghaft setzt sich die Erkenntnis durch, dass Vorstände im Ruhestand nicht die idealen Kontrolleure ihrer Nachfolger sind.

Ein Stück weit entwickelt sich der deutsche Aufsichtsrat auf den angelsächsischen Board zu. Dort sitzen ja „Vorstände“ und „Aufsichtsräte“ an einem Tisch. Die Funktionen werden nicht klar unterschieden, es gibt aber im Tagesgeschäft aktive Board-Mitglieder und andere, die mehr Abstand haben. Aber jeder trägt unternehmerische Verantwortung, es gibt keine reinen Buchhalter.

Das einstufige Board-System hat allerdings auch Nachteile: Wenn Geschäftsführung und Kontrolle nicht klar getrennt sind, dann findet unter Umständen gar keine effektive Kontrolle mehr statt. Wenn die deutschen Aufsichtsräte nach und nach zu echten Unternehmern werden, dabei aber deutlich getrennt vom Vorstand Verantwortung übernehmen, bekommen wir eine gute Mischung aus beiden Systemen.

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