Wiebes Weitwinkel
Nützliche Kartelle

Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, erzählte unlängst vor Kunden recht offen, wie sehr auch ihn das Ausmaß der Finanzkrise überrascht hat. Ein Punkt, den er dabei erwähnte, ist besonders beunruhigend.

Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, erzählte unlängst vor Kunden recht offen, wie sehr auch ihn das Ausmaß der Finanzkrise überrascht hat. Ein Punkt, den er dabei erwähnte, ist besonders beunruhigend.

In früheren Krisen, sagte Ackermann, waren für die weltweite Liquidität im Wesentlichen zehn bis 20 große internationale Banken verantwortlich. Wenn es irgendwo brannte, trafen sich deren Chefs, sahen sich tief in die Augen und beschlossen, gegenzusteuern. Dann wurde vereinbart, Kreditlinien offenzuhalten, um die Krise nicht noch zu vergrößern. Und man ließ sich technische Tricks einfallen, um die Entwicklung wieder einzufangen.

Bei dieser Krise, sagte Ackermann, ist alles anders. Nicht mehr von zehn bis 20 große Banken ist die Liquidität abhängig, sondern von Millionen von Investoren. Denn letztlich sind nicht mehr Bankkredite entscheidend für die Liquidität, sondern die Finanzmärkte. Und diese Millionen von Investoren können sich schlecht tief in die Augen schauen und die Krise managen. Sie reagieren unkontrollierbar.

Ackermann vergaß zu erwähnen, dass vor allem die Investment-Banken – also auch sein Institut – für genau diese Entwicklung verantwortlich sind. Denn sie haben dafür gesorgt, dass Kredite massenhaft verbrieft und so aus den Banken gelöst und an die Finanzmärkte abgegeben wurden. Und der beunruhigende Punkt: Diese Entwicklung dürfte sich auch durch die vielen Bemühungen um eine bessere Finanzaufsicht nicht wieder umkehren.

Der gefährliche Wandel ist auch für die Theoretiker interessant. Denn letztlich bildeten früher die großen Banken eine Art Kartell, das den Markt bei Krisen stabilisiert hat. Heute hingegen haben wir freie Finanzmärkte. Und die können diese Stabilisierung nicht zustande bringen. Statt des Kartells greifen heute die Staaten ein und stabilisieren das Finanzsystem.

Die stabilisierende Wirkung von Kartellen war in Deutschland vor 100 Jahren ein viel diskutiertes Thema. Sie wurde damals – als Kartelle noch erlaubt und üblich waren – sogar überschätzt. Heute sind Kartelle out und freie Märkte (jedenfalls bis vor der Krise) in. Aber es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass der Staat auch deswegen eingreifen muss, weil ein internationales Kartell durch freie Märkte ersetzt wurde.

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