Wiebes Weitwinkel
Recht haben sie nicht

Haben die Finanzmärkte immer Recht? Ja, sagt der Theoretiker. In die Finanzmärkte fließt das geballte Wissen der Investoren ein, die weltweit tätig sind. Vor allem in transparenten Märkten kann niemand schlauer sein. Der Praktiker widerspricht – vor allem dann, wenn er sich vor ein paar Jahren am Neuen Markt die Finger verbrannt hat.

Wer aber hat Recht? Sind es die Theoretiker, dann liegen auch die Leute richtig, die Konzernen empfehlen, ihre Strategie konsequent an den Märkten auszurichten, also zum Beispiel Teilbereiche, die einzeln höher bewertet sind als im Verbund, abzustoßen. Außerdem haben dann auch die Skeptiker Recht, die jede Art von Finanzmarktanalyse und aktiver Vermögensverwaltung für überflüssig halten – weil ohnehin niemand den Markt überlisten kann.

Im Zweifel beantwortet jeder die Frage so, wie es für ihn passt: Investmentbanker dürften die These der allwissenden Märkte unterstützen. Schließlich gehört es zu ihrem Geschäft, Konzerne marktgerecht umzubauen. Klassische Unternehmensberater sind oft skeptischer – beruht ihre Existenz doch auf dem Glauben der Kunden, dass Berater schlauer sind als die Märkte.

Analysten stecken im Konflikt. Eigentlich müssen sie an die Märkte glauben, denn genau das empfehlen sie häufig den Chefs der Unternehmen, die sie analysieren. Auf der anderen Seite müssen Analysten aber glauben, selbst doch noch etwas schlauer als der Markt zu sein – wofür bekämen sie sonst ihr Gehalt?

Betrachtet man es neutral, spricht einiges dafür, dass sich die Finanzmärkte auch täuschen können. Sie funktionieren eben nicht wie Warenmärkte, auf denen die Verkäufer die Preise nach oben und die Käufer sie nach unten drücken. An der Börse kann es passieren, dass plötzlich alle die Preise in eine Richtung drücken, weil jeder auf den großen Reibach hofft. Deswegen können sich Börsen sehr weit von den Wertmaßstäben entfernen, die ihre Akteure im Hinterkopf haben – jeder hofft, dass der andere es später merkt.

Dieser Mechanismus hat sich in der Geschichte der Börsen immer wieder gezeigt, er lässt sich auch mit Börsenspielen experimentell beweisen. Die Theoretiker, die glauben, dass die Finanzmärkte immer Recht haben, lassen ihn aber völlig außer Acht. Recht haben sie daher nicht, noch nicht einmal theoretisch.

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