Wiebes Weitwinkel
Schall und Rauch

Wer lohnende Kapitalanlagen sucht, schaut sich am besten in Bereichen um, für die sich noch niemand interessiert – so kauft man billig. Vor Jahren schon haben einige meiner Kollegen immer wieder über Rohstoffe geredet, als noch niemand davon hören wollte. Sie behielten Recht: Heute reden alle davon. Ganz ähnlich kann es auch auf dem Kunstmarkt zugehen.

Als Deutschland vor rund 15 Jahren wiedervereinigt wurde, sagte mir ein Kölner Galerist, was die „da drüben“ machten, sei doch „alles Mist“. Er hatte sich damals auf Konzeptkunst spezialisiert, also auf Werke (meine Feuilleton-Kollegen mögen mir verzeihen), die gerade dadurch interessant sind, dass sie keiner versteht. Mit dem blutleeren Pathos des sozialistischen Realismus hatte er nichts am Hut.

Damals gab es auch schon andere Stimmen. Der Freund einer Kollegin ging zum Beispiel zum Kunststudium nach Ostdeutschland, weil dort noch so richtig schön akademisch gelehrt wurde. Aber das waren Ausnahmen. Die meisten dachten so wie der Kölner Galerist.

Heute reibt man sich die Augen. Es gibt eine „Leipziger Schule“. Ihr Star Neo Rauch hält nichts von ungegenständlicher Kunst. Er malt. Ich habe bisher erst eines seiner Bilder „live“ gesehen – nicht im Museum oder einer Galerie, sondern im Foyer der „gläsernen Manufaktur“ in Dresden, wo VW seinen seltsamen Phaeton baut. Das Gemälde passte in die edel-sterile Umgebung. Wenn man diese Bilder, die heute ständig in Zeitungen gedruckt werden, anschaut, dann hat man das Gefühl, die postmoderne Gesellschaft habe sich in postsozialistische Kunst verliebt. Vor allem die Amerikaner mögen das: Diese manchmal leicht kitschigen, dann wieder etwas unheimlich wirkenden Malereien passen wahrscheinlich zu dem Bild, das sie von den Deutschen haben.

Rauch bekommt jetzt eine Ausstellung im Wolfsburger Kunstmuseum (wieder bei VW um die Ecke). Und dann gibt es eine Show in New York, im Museum of Modern Art: Das ist so, als wenn man Papst wird.

Für das, was mein Galeristenfreund „Mist“ fand, wird heute also, nachdem es dem Zeitgeschmack angepasst wurde, viel Geld gezahlt. Schade, dass ich nicht rechtzeitig darauf gekommen bin.

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