Wiebes Weitwinkel
Schöner schenken

Derzeit rollt eine gewaltige Erbschaftswelle durch Deutschland. Wozu aber Geld an entferntere Verwandte vererben, zu denen man vielleicht gar keine enge Beziehung hat? Deutschland hat zwar keine Spenderkultur wie die USA, doch auch hier zu Lande dürfte der Sinn für Großzügigkeit bald stärker ausgesprägt sein.

Banker und Vermögensberater kennen das: Da kommt ein älterer Herr mit silbernen Schläfen, in feines Tuch gekleidet, und möchte einen Teil seines Vermögens verschenken und/oder in eine Stiftung einbringen. Nicht immer steckt die Absicht dahinter, eine junge Geliebte materiell abzusichern. Oft ist auch der Wunsch ausschlaggebend, mit dem eigenen Reichtum etwas Sinnvolles oder „Gutes“ zu tun.

Künftig dürften noch mehr ältere Damen und Herren in diese Richtung denken. Denn zurzeit rollt eine gewaltige Erbschaftswelle durchs Land. Und viele, die dabei plötzlich reich werden, hatten vorher auch schon genug Geld. Dazu kommt: Nach und nach geht in Zukunft eine Generation in den Ruhestand, in der viele Menschen gar keine Kinder haben; häufig sind das gerade diejenigen, die als Doppelverdiener ihr Finanzpolster üppig füllen konnten. Wozu aber Geld an entferntere Verwandte vererben, zu denen man vielleicht gar keine enge Beziehung hat?

Deutschland hat zwar keine Spenderkultur wie die USA. Riesige Stiftungen wie die von Bill Gates gibt es bei uns nicht; auch nichts, was den mit privaten Mitteln reich gefüllten Finanztöpfen der berühmten Universitäten vergleichbar wäre. Der einfachste Grund ist, dass bei uns weniger reiche Leute leben. Hinzu kommt, dass der Staat sich hier gut mit Steuern bedient; auch die Kirchen werden so versorgt. Das erzeugt das Gefühl, schon genug für die Allgemeinheit geleistet zu haben.

Aber die wachsenden Vermögen und die abnehmende Kinderzahl dürften das Blatt wenden und auch hier zu Lande für mehr Großzügigkeit sorgen. Außerdem steigt der Bedarf an Mitteln, zum Beispiel zum Erhalt des Kulturbetriebs und zum Ausbau von Bildungsangeboten – der Staat allein schafft das nicht mehr.

Die Schenker dürften allerdings auch anspruchsvoller werden. Einfach das Geld der Kirche vermachen – das war einmal. Wer heute Geld gibt, will genau wissen, wofür und wie es verwaltet wird. So tut sich ein ganz neues Beratungsfeld auf: mögliche Geldgeber und Organisationen, die Mittel brauchen, passgenau zusammenzuführen. Eine neue Wachstumsbranche. Und die feinen Banken, die die Kontostände ihrer Kunden bestens kennen, sind ganz nah dran.

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