Wiebes Weitwinkel
Schulden und Schuld

Es war einmal ein Mann, der brach ein Tabu des Kapitalismus. Kurze Zeit später wurde er trotzdem als Symbol des verhassten Kapitalismus von Terroristen ermordet. Der Mann hieß Alfred Herrhausen und war Chef der Deutschen Bank. Sein Tabubruch: Er schlug vor, wirtschaftlich schwachen Staaten ihre Schulden zu erlassen. Ermordet wurde er 1989. Das Beispiel zeigt: Schulden, Politik, Moral, Schuld – diese Themen hängen eng zusammen.

Sie haben den „Pariser Club“, die weltweite Clearingstelle für Problemschulden, seit seiner Gründung vor 50 Jahren begleitet. Das Thema, das Herrhausen angestoßen hat, ist bis heute aktuell. Kritiker, darunter viele aus dem kirchlichen Bereich, fordern seit Jahren einen umfassenden Erlass für Staaten, die ihre Schulden ohnehin nicht mehr zurückzahlen können. Und sie haben sich damit zum Teil auch durchgesetzt: Heute werden immer wieder Schulden erlassen, das Thema ist nicht mehr tabu.

50 Jahre Pariser Club: Das heißt auch 50 Jahre Lernprozess. Und zwar von mehreren Seiten. Die Kritiker der Banken, Gläubigerstaaten und des Internationalen Währungsfonds sagen: Hohe Schulden erdrücken Staaten, verhindern wirtschaftlichen Aufbau und wurden häufig von politischen Abenteurern aufgehäuft, die der Westen im Kalten Krieg politisch unterstützt hat. Aber oft widerspricht sich die Kritik selbst: Einerseits werfen Globalisierungsgegner den Gläubigern vor, zu leichtfertig Kredite verteilt zu haben. Dann wieder heißt es, die Auflagen für neue Kredite seien zu streng. Ein wichtiger Punkt auch: Was sollen Menschen denken, die für den Schuldendienst schwer arbeiten und verzichten, wenn andere so davonkommen? Es gibt eben viele Arten, ungerecht zu sein.

Dazu lernen mussten aber auch die Geldgeber. Es funktioniert eben nicht, Haushalte und Leistungsbilanzen nur durch drastische Sparpolitik ins Lot zu bringen. Eine Gesellschaft braucht Bildung, medizinische Versorgung und einen funktionierenden Staat, um leistungsfähig zu werden.

Es bleibt zu hoffen, dass der Lernprozess weitergeht, dass Politiker in Schwellenländern Realpolitik statt Populismus betreiben und dass die Industriestaaten ihre Märkte öffnen: Länder, die exportieren, können auch Schulden bedienen.

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