Wiebes Weitwinkel: Tödliches Patt

Wiebes Weitwinkel
Tödliches Patt

Amerikanische Anleiheversicherer spielen die Hauptrolle im absurdesten Akt der internationalen Finanzkrise. Die Unternehmen haben dubiose Zinspapiere versichert und ihre Überlebensfähigkeit aufs Spiel gesetzt. Nun verhandeln die Häuser mit den Ratingagenturen, wie sie ihre alten Top-Noten behalten können.
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Vor vielen Jahren geisterte bei der Gerling Kreditversicherung eine ganz tolle Idee durchs Haus: Anleihen gegen Zahlungsausfälle zu versichern. Der Versicherer verleiht sozusagen seine Kreditwürdigkeit an das Unternehmen, das die Anleihen ausgibt, und ermöglicht ihm damit günstigere Konditionen am Kapitalmarkt.

Danach hat man nichts mehr davon gehört. Und gestern versicherte eine Sprecherin von Atradius, dem Rechtsnachfolger der Gerling Kreditversicherung, ihr Haus habe mit Anleiheversicherung überhaupt nichts zu tun, auch nichts mit Konsumentenkrediten, nur mit Forderungen im "B2B-Bereich", also von Unternehmen untereinander.

Glück gehabt. Denn die amerikanischen Anleiheversicherer spielen die Hauptrolle im absurdesten Akt der internationalen Finanzkrise. Man muss sich das vor Augen halten: Da wird offen diskutiert, ob diese Unternehmen überlebensfähig sind, nachdem sie dubiose Zinspapiere versichert haben. Ihre Aktienkurse sind auf Bruchteile zusammengeschmolzen. Und gleichzeitig verhandeln die Häuser mit den Ratingagenturen, wie sie ihre alten Top-Noten behalten können.

An diesem Punkt wird das Dilemma überdeutlich, in dem die Ratingagenturen auch bei anderen Kunden stecken: Wenn sie die Noten senken, verschlimmern sie die Krise, deswegen tun sie das nur sehr zurückhaltend. Wenn sie sie beibehalten, werden sie unglaubwürdig. Auch die Anleiheversicherer stecken im Dilemma: Wenn sie ihre Top-Noten verlieren, funktioniert ihr Geschäftsmodell nicht mehr. Wenn sie sich unter Druck der Agenturen Kapital besorgen, bekommen sie zu schlechte Konditionen. So entsteht eine Patt-Situation, die für manchen Anbieter tödlich endet - wenn das Rating doch noch gesenkt wird.

Im klassischen Drama erscheint in ausweglosen Situationen häufig ein König oder ein "deus ex machina" als Retter. Der Übervater der Finanzmärkte, Warren Buffett, hat sich tatsächlich eingeschaltet. Aber nicht, um einen der Anleiheversicherer zu übernehmen - dieses Risiko wäre viel zu groß. Der Milliardär gründet selbst einen und nutzt aus, dass alle Konkurrenten angeschlagen sind und seine eigene Bonität über jeden Zweifel erhaben ist. Nicht retten, sondern Geld verdienen heißt seine Devise. Was auch sonst?

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