Wiebes Weitwinkel
Trippeln ist eine Tugend

Das Dilemma der Europäischen Zentralbank in dieser Woche: Wie viel Zinserhöhung kann sie den Börsen zumuten, ohne dass die Kurse allzu sehr in den Keller rauschen?

Dieses Dilemma ist nicht ungewöhnlich. Es passt vielmehr genau in den wirtschaftlichen Zyklus. Denn der läuft in der Regel mit einer gewissen Phasenverschiebung ab: Zuerst boomt die Börse, dann springt die Konjunktur an, und am Schluss kommt der Aufschwung auch noch am Arbeitsmarkt an. Dieses Schema hat eine gewisse Logik: Die Börse schaut voraus in die Zukunft. Der Arbeitsmarkt hinkt nach – vor allem, wenn er stark reguliert ist, weil die Unternehmer sich dann erst spät trauen, tatsächlich neue Kostenblöcke aufzubauen.

Nicht immer findet sich diese idealtypische Verschiebung in der Realität wieder. Aber im Moment passt es so in etwa. Wir hatten einen echten Börsenaufschwung; er wirkte zwar wie eine Erholung, weil wir alle noch die überhöhten Kursniveaus von vor einigen Jahren im Hinterkopf haben, aber letztlich war es ein echter Aufschwung. Die Konjunkturindikatoren bessern sich auch, und am Arbeitsmarkt ist wenigstens der Abwärtstrend abgebremst.

Im Ausland hat der Konjunkturaufschwung schon viel früher und deutlicher eingesetzt; dort fielen die ersten beiden Phasen mehr zusammen als bei uns. Üblicherweise machen Ökonomen die deutsche Politik für die spezifisch deutsche Schwäche verantwortlich. Eine Rolle hat aber auch die Angleichung des Preisniveaus innerhalb Europas nach Einführung des Euros gespielt: Viele Länder haben letztlich ein leichtes Inflationswachstum erlebt, Deutschland dagegen stand in Teilbereichen, etwa auf dem Arbeitsmarkt, fast unter deflationärem Druck. Diese Unterschiede verschwinden aber nach und nach oder sind schon weg – Europa wächst zusammen.

Je einheitlicher die Phasen in Europa werden, desto leichter wird der Job der Zentralbank. Trotzdem wird sie immer wieder vor einem Dilemma stehen, wenn der gesamte Zyklus sich seinem oberen Wendepunkt nähert, aber noch nicht so weit ist, dass die Inflationsgefahr gebannt wäre. Und ihre Antwort wird immer wieder ein Kompromiss sein: Schon die Bundesbank, ihre Vorgängerin, war für ihre „Trippelschritte“ bekannt.

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