Wiebes Weitwinkel
Überholte Idee

Und wieder taucht ein altes Thema auf: die Beteiligung von Arbeitnehmern am Produktivvermögen. Die CDU redet seit langem davon, die große Koalition befasst sich damit und hier und da steigen auch die Gewerkschaften ein. Aber passt diese Idee überhaupt in unsere Zeit?

Der Gedanke ist alt. Schon John Stuart Mill hat sich im 19. Jahrhundert dafür eingesetzt. Er erkannte: Damit das liberale Wirtschaftssystem überlebt, muss es die Arbeiter integrieren.

Und genau das ist seither passiert. Arbeitnehmer sind heute Bürger. Und sie haben einen Finanzmarkt vor Augen, der ihnen jede erdenkliche Chance bietet, sich am Produktivkapital zu beteiligen: über Aktien, Fonds, Zertifikate oder Immobilien. Der Einstieg in die Finanzwelt ist schon mit 100 Euro im Monat möglich, die Finanzaufsicht und Verbraucherschützer wachen – dort, wo sie noch nicht wegrationalisiert wurden – über den Markt. Außerdem bietet die Presse Informationen für jeden, der sparen will.

Wer dabei sein will, der kann das also längst tun. Wozu da noch politisch über „Beteiligung am Produktivvermögen“ diskutieren? Einen Klassenkampf gibt es nicht mehr. Deswegen brauchen wir auch keine politischen Konzepte, um ihn zu überwinden. Unsere Gesellschaft leidet unter ganz anderen Spaltungen – zwischen denen im System und denen außerhalb, die weder Arbeit noch Vermögen haben. Hinzu kommt: Die Deutschen sparen fleißig, wenn ihr Einkommen ausreicht. Dazu muss sie niemand zwingen; nur der Staat lebt über seine Verhältnisse.

Ein wichtiger Punkt auch: Wer als Arbeitnehmer größere Summen in sein eigenes Unternehmen steckt, koppelt sein Vermögens- mit seinem Jobrisiko – keine gute Idee. Wenn man statt dessen breiter streuende Fonds einführt – auch diese Idee hatte Mill schon –, dann ist man wieder bei den bereits bekannten Investmentfonds.

Allenfalls aus Sicht der Arbeitgeber haben Beteiligungsmodelle einen Charme, weil sie die Mitarbeiter stärker in die unternehmerische Verantwortung einbinden. Aber das lässt sich viel einfacher über flexible Gehaltsbestandteile erreichen – auch das wird bereits praktiziert.

Wozu also sollen wir die Arbeitnehmerbeteiligung noch einmal erfinden? Es gibt sie schon – denn wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert.

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