Wiebes Weitwinkel
Was treibt Herrn Issing?

Wer sich für das Thema „Geldpolitik“ interessiert, der kommt an einem Standardlehrbuch, das ein gewisser Otmar Issing geschrieben hat, nicht vorbei. Issings Lehrbuch hat sicher dazu beigetragen, dass viele Volks- und Betriebswirte das Gefühl haben, ihn schon ewig zu kennen. Richtig zu Ruhm gekommen ist der Mann aber erst später.

Nämlich bei der Deutschen Bundesbank, die einen legendären Ruf an den Finanzmärkten hatte, und später bei der Europäischen Zentralbank. Issing war nie Notenbankchef. Er war als Chef-Volkswirt der Mann im Hintergrund – und stand damit nicht unter Druck, politisch zu taktieren. Er war derjenige, der den guten Ruf der Bundesbank auf die neue europäische Notenbank übertragen sollte. Als er vor kurzem in Ruhestand ging, war er nicht ganz so bekannt wie Alan Greenspan, der Ex-Chef der US-Notenbank – aber auch nicht so umstritten. Issing hat also alles erreicht, was man erreichen kann.

Jetzt geht er zu Goldman Sachs. Man kann das begrüßen als „Austausch zwischen Staat und Wirtschaft“. Aber wäre dieser Austausch nicht eher bei jungen Leuten förderungswürdig? Und käme es nicht eher darauf an, für den Staatsdienst Leute mit Praxiserfahrung zu gewinnen als umgekehrt?

Was treibt Herrn Issing? Seinem Image nützt er so sicherlich nicht. Zu nahe liegt die unausgesprochene Vermutung, dass er seinem neuen Arbeitgeber einen problematischen Vorsprung im Umgang mit Behörden verschafft – welcher Finanzaufseher legt sich schon gerne mit einer Legende wie Issing an? Seinem Konto nützt der neue Job schon. Aber zählt Geld so viel für einen gut versorgten Pensionär?

Vielleicht ist der Grund einfacher und menschlicher. Heide Simonis hatte in einem Beitrag für die Zeitschrift „Cicero“ sehr anschaulich beschrieben, wie sehr Spitzenpolitiker an ihren Ämtern hängen – und wie tief sie psychisch abstürzen können, wenn sie gehen müssen. Kurz danach verlor sie ihre Position als Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein. Wenig später trat sie in einer unsäglichen Tanz-Show für Prominente im Fernsehen auf.

Da hat Issing doch eine bessere Wahl getroffen.

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