Wiebes Weitwinkel
Wie bei Stockhausen

Anfang des Monats starb Karlheinz Stockhausen. Damit ist wieder ein Großer aus der Generation der Avantgarde-Komponisten abgetreten, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Musik-Szene mit bisher unerhörten Klängen aufgemischt haben. Was das mit den Finanzmärkten zu tun hat? Nun, hören wir mal genau hin, dann erschließen sich erstaunliche Parallelen.
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Karlheinz Stockhausen hat, wie andere Avantgarde-Komponisten auch, viele Stücke nach einem Verfahren komponiert, das man respektlos als "organisiertes Chaos" bezeichnen könnte (meine Kollegen aus den Feuilletons lesen diese Kolumne zum Glück ohnehin nicht...). Das funktioniert so: Jeder einzelne Klang wird nach sehr rationalen, oft sogar mathematischen Prinzipien konstruiert. Weil der Hörer (nicht nur der Laie, meist auch der Experte) diese Prinzipien nicht nachvollziehen kann, entsteht trotzdem ein völlig chaotischer, irrationaler Eindruck.

Stockhausen hat früher als viele seine Kollegen massiv Computer in seinen Stücken eingesetzt. Und er hat eine eigens entwickelte Mythologie in sein Werk einfließen lassen, die irgendwo zwischen Christentum und New Age angesiedelt ist. Außerdem ist seine Musik zuweilen im wahrsten Sinne des Wortes "abgehoben" - berühmt wurde eine Opernpassage, bei der ein Streicherquartett in vier fliegenden Hubschraubern live gespielt und per Funk auf die Bühne übertragen wird.

Fassen wir nun die entscheidenden Stichworte zu Stockhausens Werk zusammen: organisiertes Chaos, heftiger Computereinsatz, seltsame Mythen, und das alles reichlich abgehoben. Das ergibt eine perfekte Charakterisierung der modernen Finanzmärkte. Auch hier handeln einzelne Akteure ganz rational - und im "Zusammenklang" ergibt sich ein irrationales Chaos. Computer sind mittlerweile so wichtig, dass schon die Sekundenbruchteile, mit denen die Befehle automatischer Handelssysteme an den Rechner der Börse übertragen werden, den Ausschlag geben können. Mythen entstehen ständig neu und vergehen wieder. Und abgehoben sind die Jungs in Nadelstreifen ohnehin. Man sieht und hört: Manchmal ist Kunst tatsächlich ein Ausdruck ihrer Zeit.

Zu beachten ist freilich: In Stockhausens Musikwelt hatte bis vor kurzem wenigstens einer halbwegs den Überblick - er selbst. Und in der Finanzwelt?

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