Wieczorek-Zeul fordert auf dem Petersberg Netz-Zugang für alle.
Entwicklungsministerin will mit digitaler Technik Armut bekämpfen

"Weil wir die entwicklungspolitischen Millenniumziele erreichen wollen, müssen wir in den ärmeren Weltregionen wesentlich mehr für Wissen, Bildung und Zugang zu Information tun", fordert Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul zum Auftakt des 6. Deutschen Weltbankforums in einem Gespräch mit dem Handelsblatt: "Armut ist nicht nur eine Frage von Hunger, Armut heißt auch: Krankheit, Unwissenheit und ein Leben ohne Zugang zu Informationen."

HB DÜSSELDORF/BONN. Natürlich erfordere der Kampf gegen Hunger und Armut weiter große Anstrengungen. Fortschritte sieht die Entwicklungsministerin bei Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft, weil diese dafür sorgen, "dass Investitionen direkt vor Ort getätigt werden und entwicklungspolitische Ziele - zum Beispiel die Bekämpfung von Armut, Zugang zu Bildung, bessere Voraussetzungen, um kleine und mittlere Unternehmen wettbewerbsfähig zu machen - auf diese Weise gefördert werden."

Doch um die Programme zur Armutsreduzierung wirksamer und nachhaltig zu machen, werde die Einbeziehung solcher Entwicklungskomponenten wie Wissen, Bildung und Zugang zu Information immer wichtiger: "Wenn in abgelegenen Regionen den Bauern über moderne Kommunikations- und Informationsmittel die Vermarktung ihrer Produkte erleichtert wird, kann das die Einkommenslage der Familie oder des Dorfes verbessern."

Die Technik kann dabei sogar Schulen ersetzen. Kinder in entlegenen Gegenden könne man über öffentliche Internetzentren erreichen. Das zeige eine südafrikanische Initiative, bei der über das Netz schulische Bildung angeboten wird.

Verbesserung der Lebensverhältnisse durch Wissen und Information

Wegweisend sei auch ein Weltbankprogramm, das den Verantwortlichen in Kommunen über das Internet eine Plattform bietet, sich in Fragen der kommunalen Verwaltung auszutauschen. Wie wichtig der Zugang zu mehr Wissen und Informationen auch in den ärmsten Entwicklungsländern für die Verbesserung der Lebensverhältnisse ist, habe sie immer wieder feststellen können: "Die Frage des Zugangs zu Informations- und Kommunikationstechnologien ist die neue soziale Frage", meint Wieczorek-Zeul.

"Es besteht die große Gefahr, dass sich die digitale Kluft in einer Welt, die sich mit hoher Geschwindigkeit im ökonomischen Bereich entwickelt, weiter ausweitet, dass der Graben zwischen Arm und Reich und Nord und Süd größer wird. Wir müssen ein Interesse daran haben, die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien einzusetzen, um diesen Graben zuzuschütten, die digitale Kluft zu überwinden und dazu beizutragen, dass die Armut weltweit bis zum Jahre 2015 drastisch reduziert wird."

Deutschland habe die Bestrebungen von Weltbank-Präsident Wolfensohn in diesem Bereich von Anfang an unterstützt. Mit dem Ziel, stärker als bisher die Mittel der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie für den globalen Entwicklungsprozess nutzbar zu machen, habe sich Deutschland an der Schaffung der Development Gateway Foundation beteiligt.

Ausschreibungsverfahren ist transparenter

Über diese eigenständige Einrichtung sei eine für Entwicklungsländer, Handelspartner, Investoren und andere Interessenten extrem nützliche Informations-Infrastruktur im Internet aufgebaut worden. Praktisch alle Projekte, die im Rahmen der multilateralen und bilateralen Entwicklungshilfe geplant und umgesetzt werden, könnten über dieses Internet-Portal laufend eingesehen werden. Dank des Portals seien auch die Ausschreibungsverfahren für Entwicklungsprojekte wesentlich transparenter geworden.

Die Ministerin betont:"Wir legen großen Wert darauf, dass die Entwicklungsländer in der modernen Wissensgesellschaft Anschluss gewinnen, ein Ziel, das wir nicht nur in den multilateralen Entwicklungsbanken, sondern auch bei unseren bilateralen Entwicklungsprojekten verfolgen."

Auf der bilateralen Schiene könne die deutsche Entwicklungshilfe zukunftsweisende Akzente im IT-Bereich setzen. So würde bei Projekten für kleine und mittlere Unternehmen zur Verbesserung der Produktivität auf die Ausstattung mit modernen Informations- und Kommunikationsmitteln geachtet.

Vernetzung hat man im Auge

Auch bei Beteiligung an Infrastrukturprojekten der Strom- und Wasserversorgung habe man die Möglichkeit zur Vernetzung im Auge. Es gelte, den lokalen Unternehmen die Verbindung mit den modernen Kommunikationsmitteln zu ermöglichen.

Vernetzung und Nachhaltigkeit würden vor allem bei Beratungsprojekten der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) groß geschrieben. So sei die GTZ gehalten, bei Beratungsprojekten in Entwicklungsländern den elektronischen Rückgriff auf weltweite Informationsressourcen sicherzustellen.

Auch bei der Nach-Betreuung von Entwicklungsprojekten kommt der GTZ im Zeitalter der digitalen Vernetzung eine neue Rolle zu: Um zu verhindern, dass beim Abzug der Experten das einzelne Projekt - wie das früher oft der Fall war - zur Entwicklungsruine wird, soll die Vernetzung des Projekts mit der GTZ dies auf viele Jahre hinaus verhindern.

Wieczorek-Zeul bringt auf die Weltbanktagung ihre Visionen für einen stärker von Wissen, Bildung und Informationszugang geförderten globalen Entwicklungsprozess mit: "Wenn auch die sonstigen Rahmenbedingungen sich verbessern-Stichwort Zugang zu den Märkten der Industrieländer- könnte die Welt in den kommenden Jahren ein Stück gerechter werden, könnten sich mehr Partizipationsmöglichkeiten eröffnen. Es könnte sein, dass es mehr demokratische Entwicklungen gibt, mehr Basiseinfluss. Denn wir sollten nicht übersehen, dass die Möglichkeiten des Zugangs zu Informationen immer auch unabhängiger machen und auch dazu beitragen können, autoritäre Systeme von unten her aufzuweichen und zu verändern."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%